eine geschichte ueber die liebe
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scwule lebenslieben/luegen

1987-1991
- juni 1987.wir zogen um in unser haus. es war ein sehr heisser fruehsommertag, das thermometer zeigte ueber fuenfunddreissig grad, wir schwitzten wie verrueckt. es war eine einzige schinderei. eine schwester von markus und eine von mir putzten wie die wilden. auch unsere putzfrau vom geschaeft half mit. am tag zuvor waren die letzten handwerker fertig geworden und demnach sah es auch aus. am abend waren wir fertig, fix und fertig. anna brachte uns wiener wuerstchen, kartoffelsalat und bier. wir sassen in der kueche, alle zusammen an einem grossen alten tisch, tranken und lachten. wir waren so verdammt gluecklich.
zwei wochen spaeter kamen die moebel von italo. das war nicht so einfach,wie ich es mir vorgestellt hatte. er brauchte einen mietvertrag von mir und eine bestaetigung vom einwohner meldeamt. sonst haette er seine sachen nicht zollfrei ueber die grenze einfuehren duerfen. ich ging aufs rathaus, holte die bescheinigung. ich kannte die dafuer zustaendige dame. ich versuchte so neutral zu schauen, als ginge es um die hundesteuer. sie laechelte still vor sich hin, als sie mir die bescheinigung gab und wuenschte mir viel glueck.
dann stand italo eines mittags ploetzlich vor mir in der kueche und erklaerte strahlend, sie waeren da. > was heisst das?< fragte ich. > der lastwagen, die moebel, alles ist da.< mami streckte den kopf zur tuer herein, winkte. > und alles ist schon im haus.< > kein schleppen und schuften mehr?< fragte ich.
> nein < sagte er, > es ist alles drin und verraeumt, aber jetzt haben wir hunger.<

sechs wochen spaeter rief die auslaenderbehoerde aus mullheim an. > phoenix es gibt ein problem, ich habe hier die meldung vom einwohnermeldeamt vor mir liegen, so einfach geht das nicht.< > was geht nicht< > italo ist schweizer staatsbuerger, er kann nicht einfach in deutschland wohnen. versuch du das mal in der schweiz, nach spaetestens drei tagen steht die fremdenpolizei vor deiner tuer und schmeisst dich aus dem land. ist er in der schweiz auch noch gemeldet?< > bei seiner mutter, wegen dem militaerdienst. kennen sie uns?< sie lachte. > natuerlich kenne ich dich und deinen freund auch. ich bin jeden mittwoch abend bei dir, mit den tennisdamen < > piccolo? sie trinken gern piccollo?< sie lachte > genau, aber das hilft uns jetzt nicht weiter.< >und was kann ich jetzt tun?< >nichts,du musst einen antrag auf auffenthalt stellen, ueber den wird dann entschieden, ganz wie es den herren gefaellt, ihr habt keinen gesetzlichen anspruch darauf. und es wird in solchen faellen selten positiv entschieden. arbeitet italo noch in basel?< > ja,daran wird sich auch nichts aendern< >ok, phoenix, ich sag dir jetzt was und das habe ich dir nie gesagt. ich leg jetzt die akte ganz nach unten in meinem stappel. du siehst zu, dass ich in den naechsten tagen die abmeldung von der stadt neuenburg auf meinem schreibtisch habe, dann ist die sache fuer mich erledigt. italo hat drei monate aufenthaltsrecht in deutschland, teoretisch beginnen die drei monate jeden morgen von neuem bei jeder ausreise, wenn er zur arbeit faehrt. das ist zwar nicht legal,aber es verstoesst auch nicht wirklich gegen das gesetz, und solange euch niemand anzeigt....< > das macht uns aber erpressbar?< >nein, ihr muesst nur den mund halten, ich halte ihn auch. und nun schau zu, dass ich die abmeldung kriege. ihr duerft nicht zulange warten.< ich versprach es ihr und ging am nachmittag wieder aufs rathaus. ich meldete italo wieder ab, die freundliche dame sagte mir, das habe sie sich schon gedacht, dass das nicht so einfach gehen wird. sie bot mir an, das formular direkt nach muellheim zu schicken. ich bedankte mich und ging nach hause. wir hoerten nie wieder was von der auslaenderbehoerde! aber italo und ich tranken mit einer sehr netten dame vom tennisclub am darauf folgenden mittwoch zu spaeter stunde drei flaschen sekt. keine piccolos.

- anna stand eines nachmittags vor der tuer. wir setzten uns in die kueche. sie sagte, ihre ehe mit micha lief nicht mehr gut. ich meinte, ach was?. dass ihre ehe beschissen lief, hatte ich schon selbst bemerkt. sie stritten sich sehr viel und drehten sich die worte im mund herum. wegen jeder kleinigkeit gingen sie auf einander los. es war oft recht muehsam mit den beiden. anna erklaerte mir, sie wolle wieder in die schule gehen, an zwei abenden die woche, waerend unserer arbeitszeit. sie wolle in freiburg ein seminar belegen fuer steuerrecht, es wuerde sich ueber zwei jahre hinziehen.
> gut, dann mach das, aber sie zu, dass du an den abenden eine vertretung fuer dich organisierst, darum musst du dich kuemmern,i ch verlass mich da auf dich. keine vertretung, keine schule.< > und was ist mit meinem gehalt, wenn ich zwei abende weniger arbeite?< fragte sie. > das bleibt wie es ist,zwei jahre sind eine verdammt lange zeit, lass es erst mal laufen,< meinte ich.
anna wollte abspringen und ich baute ihr das sprungbrett dafuer.

-wer glaubt, banker haetten automatisch einen bezug zu geld, der irrt. markus hatte ein verhaeltnis zu geld wie eine kuh zum walzertanzen! er war staendig pleite. im kauhaus globus in basel gibt es im dritten stock eine abteilung fuer geschenke, porzellan und wohnaccesvoires?. er liebte sie, er unterstuetzte sie, er erhielt sie am leben!er kostete mich ein vermoegen. ich beklagte mich bei anna, sie sagte es war schon immer etwas teurer einen besonderen geschmack zu haben, in diesem fall gilt das auch fuer maenner. ich bedankte mich. ich mag freunde, die einem mit guten ratschlaegen zur seite stehen.
- er schleppte mich in den globus, in seine lieblingsabteilung. er zeigte mir einen pelikan aus porzelan, grau wie die fliesen in unserem badezimmer, die fuesse und der schnabel waren mit rot und weisgold ueberzogen. der vogel war sehr schoen, er haette wunderbar ins bad gepasst, in die nische hinter der eckbadewanne. er kostete auch nur 485sfr.(damals 1sfr dm 1.20). ich sagte, im leben nicht, du bist wohl nicht ganz bei trost. er schmollte, war beleidigt. er schenkte ihn mir zu weihnachten und irgennt wie wurde ich das gefuehl nicht mehr los, dass ich den geier selbst bezahlt hatte.

- wir interresierten uns beide fuer geschichte und machten eine urlaubsreise nach aegypten. ich freute mich sehr darauf, die reise wurde zu einem fiasko fuer mich. er schleppte mich von luxor nach kairo, drei tage lang durchs aegyptische museeum, ueber saemliche basare(war recht lustig), durch moscheen, zu den pyramiden natuerlich, in lightshows in der nacht. er hatte sich gruendlich vorbereitet. wir wohnten in kairo in einem alten, zum hotel umgebauten sultanspalast nah bei den pyramiden. es war wunderschoen. wir waren leider nie dort, wir hatten keine zeit, wir mussten unser programm erfuellen.
er schleppte mich in die wueste nach abbu simpel, nach assuan, auf ein schiff mit dem wir wieder nach luxor zurueckfuhren. das schiff hatte nur wenige passagiere, sie waren alle fast doppelt so alt wie wir, aber voller energie. es war luxurioes, es war schoen, ich hatte nichts davon, wir waren nie da. wir haben uns jeden alten stein, jeden rest von einem tempel, jede verwitterte saeule und statue angeschaut. markus war gluecklich, ich total am boden.

- markus stammte aus einer uralten tessiner familie.wir nannten ihn alle italo,seinen richtigen namen gebrauchte ich nur wenn ich wirklich sehr sauer war. und er war eifersuechtig!er war eifersuechtig, dass es fuer zehn suedeuropaeer und zwanzig leiteinamerikaner zusammen locker reichte. er stromerte rum, ich war ja in meinem lokal, aber sobald ich eine minute freizeit hatte war er zur stelle. ich fuehlte mich manchmal schon etwas eingeengt und seine eifersucht brachte mich auf gedanken, auf die ich ansonsten niemals gekommen waere. wir redeten stunden, naechtelang darueber, er verstand mich nicht.

- an ostern fuhren wir ins tessin. seine familie besitzt dort ein haus im maggiatal, oberhalb von loccarno. das haus hatte keine heitzung, nur einen offenen kamin. warmes wasser kochten wir auf einem zwei plattenherd. jedes jahr an gruen donnerstag nach mitternacht, wenn ich den laden zugemacht hatte, fuhren wir los. wir standen stundenlang vor dem godthardtunnel im stau. jedes jahr wahr das wetter beschissen. wir frohren uns den arsch ab. italo ging shoppen und war gluecklich. ich tobte. kein platz in keinem restaurant. dort staute sich die neue deutsche armut. ostermontag wieder zurueck. wieder im stau. jedes jahr sagte ich, naechstes jahr sicher nicht mehr. ja sagte er, naechstes jahr nicht. ab weihnachten fing er an zu kratzen und zu scharren. bis maerz hatte er mich wieder soweit. wir fuhren ins tessin.
einmal nahmen wir italos mutter mit. das wetter war wunderschoen. ich weis nicht , was du willst, sagte sie, alles bestens. die zwei gingen einkaufen. kamen mit zwoelf taschen zurueck. ich bekam einen zahnstocher von eighner. der hatte mir schon immer gefehlt.<

- weihnachten 1989. italo hatte unterleibsbeschwerden. sehr starke schmerzen. er fuhr zu einer apotheke in basel, wir waren bei seiner familie, wie jedes jahr. er kam mit anthipiotika? zurueck, meinte , er haette eine blasenentzuendung. er nahm die tabletten, die schmerzen klangen ab. als sie leer waren kamen die schmerzen zurueck. es ging das ganze jahr so weiter. er nahm die tabletten, die schmerzen klangen ab.<
mitte oktober kam ich eines nachts nach hause. es war gegen 1.50uhr. es brannte licht im wohnzimmer, der fernseher lief. remy, unser hund erwartete mich an der tuere und freute sich. ich war muede, fragte , ob er mit dem hund gassi war. er verneinte, ich flippte aus. sagte ihm, dass es nicht zuviel verlangt ist, wenn man gegen 19.00uhr nach hause kommt,s ich auch mal um die privaten dinge zu kuemmern. italo was ist los, was geht hier vor sich. er hatte von den vielen medikamenten schon einen schaden an den augennetzhaeuten. ich fragte, was soll das, wo fuehrt das hin?er erzaehlte mir unter traenen, dass er vor lauter schmerzen nicht mehr liegen kann, dass er sitzen muss, dass es so einfach ertraeglicher waere. ich tobte, ich ging mit remy seine runde, kam zurueck, tobte weiter. ich rief im kantonsspital in basel an, und meldete ihn fuer den anderen tag zur untersuchung an. mitten in der nacht. ich sagte dem nachtdienst, er kommt mogen frueh, ich komm morgen nachmittag, und dann gnade ihnen gott.
das kantonspital basel lies sich nach zehn monaten behandlung auf chronische blasenentzuendung bei einem hiv infizierten patienten zu einer ultraschalluntersuchung hinreissen. es wurde ein apzess? von einer nicht erkannten blinddarmreizung(ich bin kein mediziner)diagnostiziert, der sich verkappselt hatte. da sollche dinge auch immer bakterienverseucht sind erklaert die damit verbundenen schmerzen. nahm er seine medikamente, klangen sie ab, waren sie zu ende, kamen sie wieder. die mittel waren nie so stark, um die bakterien ganz zu toeten. und aus dem blinddarm kam immer wieder neuer dreck dazu. sie erklaerten, sie schneiden es raus, und die sache waere erledigt. ich fragte nach, weil italo hiv.p. war. das ist kein problem, seine blutwerte liegen im absolut gruenen bereich. italo sagte mir, sie wuerden um neun uhr am anderen morgen operieren.
an dem morgen stand ich auf, ging zur arbeit, schaute auf die uhr und dachte, jetzt ist es schon vorbei, er hat es hinter sich und schlaeft jetzt.
gegen 11.30uhr rief seine mutter an. sie bat mich markus anzurufen, er wartet darauf. ich war erstaunt, fragte, warum ist er nicht operiert? ich wusste die antwort von allein. das telefon hing an der wand hinter der theke, die ersten gaeste waren schon da. ich sagte anna, dass ich schnell nach hause fahre, ich muesse telefonieren. ich rief ihn von zu hause an, er war ganz gut drauf. er war etwas irritiert weil seine operation ganz nach hinten verschoben worden war. ich sagte italo, nach einer op wird der raum gruendlich gereinigt und sterilisiert, bevor der naechste patient behandelt wird. bei dir werden sie renovieren muessen. da kommt hinterher keiner mehr rein. ich fragte ihn, ob er dem zustaendigen arzt gesagt hat, dass seine mutter keine ahnung von seiner hiv erkrankung hat. er lachte, fragte warum? ich bin volljaehrig, sie duerfen ueber solche dinge ohne mein einverstaendns keine auskunft geben. und wenn sie es tun, kann der arzt sich ja gleich um sie kuemmern. mir ist nicht wohl dabei, sagte ich, ich denke ,wir haben das ende der fahnenstange erreicht.
wir sassen beim mittagessen, es war freitagmittag, 14.30uhr. es gab huehnerfricasse, ich seh den teller noch vor mir als waere es gestern gewesen. das telefon klingelte, ich ging dran. italos mutter war am apperat, sagte die operation waere gut verlaufen, man koenne ihn morgen besuchen, und legte auf. ich ging zurueck an den tisch, starrte auf mein essen. anna fragte, ob alles in ordnung waere. ich sagte klar, was soll sein? es ist alles ok. ich schob meinen teller von mir, sagte mischa und anna, dass keiner feierabend macht, bis ich wieder zurueck bin.
ich fuhr nach hause und rief leo an. irene war am telefon. sie hoerte meine stimme und fing an zu weinen. >sie weiss es?< >ja< > warum weiss sie es, verdammt nochmal, irene, das durfte nicht passieren< >der arzt, der ihn operiert hat, hat bei ihr angerufen und gesagt, dass die operation gut verlaufen waere und nun muesse man halt abwarten. sie hat gefragt, warten auf was, weswegen? und er hat wegen der aidserkrankung gesagt< >und was hat sie gesagt?< > danke, dass sie mich angerufen haben, und hat aufgelegt. phoenix, bitte, sie darf nie erfahren, dass leo und ich es wussten und sie als seine mutter nicht. es wuerde unsere vierzigjaerige freundschaft zerstoeren, sie kann sich nicht einmal vorstellen, dass du es weisst, phoenix sie darf es nicht erfahren.< >sie wird nichts erfahren, mach dir keine sorgen, irene ich fahr jetzt los< >wo faehrst du den jetzt hin?< >nach reinach natuerlich<
ich rief anna an, sagte ihr die bombe ist geplatzt. ihr macht euren normalen dienst und wartet auf mich, bis ich wieder zurueck bin. wann wird das sein fragte sie, heute abend ist voll. anna sagte ich, ich weis es nicht, im besten fall schlaegt sie mich tot, weil sie glaubt, er haette es von mir, um himmels willen, ich brauch ein wenig zeit, wenn ihr nichts sagt, merkt kein mensch, dass ich nicht da bin.<
auf der autobahn sind es von neuenburg an basel vorbei und dann richtung dellemond nach reinach keine dreissig minuten. dreissig minuten lang zeit zum nachdenken, an die sommer sonntags im garten, das baden im pool, das offene feuer im kamin, der grosse kessel, in dem ich rissotto kochte, die kinder, wie sie jedes jahr ein stueck reifer und erwachsener wurden, die haehnchen dazu und die berge frischer salat. die oma, die wir nachmittags hohlten, die immer gleichen alten geschichten, die liebevollen spitzen meiner "schwaeger"gegen den schaben am tisch. tischtennis, lachen, faul in sonne liegen, zum essen wein, danach kaffee und cognag, zum stammtisch in die stadt zu unseren freunden, zusammen hocken, lachen, reden. es war vorbei, mit einem einzigen telefonanruf vorbei! ich hielt vor mamis haus an, stieg aus dem wagen und hoerte sie schon auf der strasse weinen. eine alte frau kam aus dem nachbarhaus und lief auf mich zu. sie fragte, phoenix, was ist passiert, ist etwas mit markus, das geht jetzt schon ueber eine stunde so, aber sie laesst niemand ins haus. ich versicherte ihr, dass alles in ordnung waere und sie sich keine sorgen machen muesste.i ch klingelte, zog den hausschluessel aus der hosentasche und schloss auf.
>du hast es gewusst?< >ja< >du bist gesund?< >ja< >du hast es gewusst und ich nicht?< >ja< >seit wann?< >die ganze zeit< >die ganzen jahre hast du es gewusst und ich nicht. und du bist bei ihm geblieben< sie weinte hemmungslos. > ja. mami es ist ein virus, keine charaktereigenschaft. es gab keinen grund, ihn zu verlassen. erinnerst du dich noch an unser telefonat, als du dem deutschen angerufen hast,als italo mit oma in kanada war, da hab ich es dir doch versprochen. du hast mich gefragt und ich hab es dir versprochen. mami, tu mir einen gefallen, mach mir einen grossen cognac mit so einem kleinen kaffee dazu.wir muessen reden.<
ich versuchte ihr zu erklaeren,dass es gut war, dass sie von nichts gewusst hatte, dass wir die schoeneren jahre zusammen verbracht hatten, ohne dass sie sich sorgen machen und aengste ausstehen musste. du haettest uns das leben zur hoelle gemacht, bei jeder zigarette, bei jedem glas wein haettest du interveniert. du waerst mit der trockenen badehose und einem handtuch am poolrand gestanden, wenn er aus dem wasser gekommen waere, du haettest ihn erdrueckt. du haettest ihn vertrieben, er haette das nicht mitgemacht.< >und seit wann hast du es gewusst?< >seit er mit oma aus kanada zurueck kam< >solange schon, das ist ja schon jahre her. und du bist wirklich gesund? ich koennte es nicht ertragen, wenn er dich...< >nein mami, ich bin gesund, mach dir dewegen um himmelswillen keine sorgen< >und niemand weiss davon?< >nein niemand, gar niemand, jetzt wissen es nur wir drei.< >aber wenn du gesund bist, woher hat....< >mami, dein sohn hatte schon ein sexualleben, bevor er mich traf, tu jetzt nicht so, du weist es genau. ich habe sehr spaeht die seite gewechselt,i ch hatte vielleicht einfach nur glueck, mich nicht anzustecken. aber es ist sicher nicht mein verdienst, dass ich gesund bin.< >thomas?< >zum beispiel?< das gespraech war sehr quaelend. ich dachte, warum sitze ich an diesem tisch und nicht italo. es waere seine verdammte pflicht und schuldigkeit gewesen, dieses gespraech zu fuehren. es war seine mutter, er war ihr sohn, nicht ich. irene rief an, ich wusste schon, was sie umtreibt. ich bat sie mit leo zu kommen, ich muss zurueck nach neuenburg. >wir sind schon auf dem weg, stehen schon unter der tuer, ist alles ok?fragte sie. >ja, es ist alles,wie wir es besprochen haben,< erwiederte ich. >was habt ihr besprochen?< fragte italos mutter. >dass du nachher etwas fuer leo und irene zum abendessen machst, sie bleiben heute abend noch ein wenig bei dir. ich muss nachher wieder zurueck.<
wir einigten uns darauf, am anderen tag italo gemeinsam zu besuchen. irene und leo wollten am abend zu ihm. mami fand es besser, wenn wir italo noch nichts davon erzaehlen, dass der arzt ihr die wahrheit gesagt hatte. am telefon! ich konnte auch nicht einschaetzen, wie er auf diese nachricht reagieren wuerde. begeistert wuerde er sicherlich nicht sein. ich fuhr zurueck, ich musste arbeiten.<
am anderen morgen waren wir gegen zehn uhr im krankenhaus. an italos zimmernummer und seinem namen klebte ein roter punkt. mami bemerkte ihn nicht. zorn stieg in mir hoch. mami handierte an einem kaffeeautomaten, sie war suechtig nach kaffee, und nach den beruhigungspillen, die sie schon intus hatte, war der kaffee wohl auch nicht das schlechteste. frauen haben anscheinend immer einen unbegrenzten vorrat an medikamenten fuer alle lebenslagen. ich hatte zuhause nur eine flasche asbach. eine schwester kam vorbei, ich zeigte auf den punkt. > frueher haben wir den menschen gelbe sterne und rosa winkel auf die kleidung genaeht, aber so ein punkt tuts natuerlich auch.< sie schaute mich an, ich merkte, sie verstand kein wort. >bei uns auf der schwaebischen alb gibt es ein sprichwort, das heisst "solange es noch weiber gibt,sind die huehner auf dem hof nicht die duemmsten".< ich ging zu markus ins zimmer.
italo sah furchtbar aus,er hatte die ganze nacht starke schmerzen. er sah mich an und sagte hoj butzibu(ich moechte darauf nicht naeher eingehen)und klammerte sich an meine hand. >wo ist mami,< fragte er. >sie ist draussen am kaffeeautomaten und kaempft mit der technik,< grinste ich. >sie weiss es!< sagte er. >jaaaa?! erwiederte ich. >woher weisst du, dass sie es weiss?< >eine lernschwester war heute morgen da und hat erzaehlt, dass da wohl was schiefgelaufen sei, gestern nach der operation. der professor haette getobt wie sau.< mami kam ins zimmer, stolz mit zwei bechern kaffee, wir wechselten das thema. wir unterhielten uns ein wenig, er war sehr schwach und doeste immer wieder weg.<
der behandelnde arzt kam zu uns ins zimmer. er erklaerte uns, dass sie den poroesen blinddarm entfernt und den abzess vom dickdarm abgeschaelt hatten. die schwester kam herein und knallte irgentweche medikamente auf den tisch. sie funkelte mich boese an. der doktor zog die augenbrauen hoch, mami oeffnete den mund, die schwester stuermte aus dem zimmer. in mir keimte der verdacht, irgennt jemand hatte sie ueber gelbe sterne und huehner aufgeklaert.i ch gab mami einen kleinen stoss, sie schloss wieder den mund, schaute mich verwundert an. markus guckte fragend und etwas sauer auf mich. italo fragte den arzt nach methadon. der wollte wissen, wieviel er schon bekommen habe. zwei spritzen erklaerte markus, die schmerzen seien auch nicht mehr so schlimm, aber es gaebe ihm so ein angenehmes, entspanntes gefuehl. ich schaute dem arzt tief in die augen. geben sie es ihm, sagte ich, er hat dem alkohol immer entsagt, dann goennen wir ihm doch jetzt die drogen. er lachte. die stationsschwester betrat das zimmer. sie sagte, dass das ergebniss von der eingeschickten gewebeprobe morgen nachmittag vorliegen wuerde und der chefarzt mit mami gern reden wuerde. >gut< sagte ich, >wann sollen wir hiersein?< ihr blick war eiskalt, sie sah an mir vorbei und fragte mich, in wiefern ich zur familie gehoere. der arzt zog hoerbar die luft ein, ich dachte aha, sie weiss bescheid ueber gelbe sterne, frauen und huehner. markus mutter sprang von ihrem stuhl auf, knallte ihren kaffee italo auf die bettdecke, der baeumte sich auf vor schmerzen und sagte, phoenix gehoert zu unserer familie, er ist wie ein zweiter sohn fuer mich. was erlauben sie sich. der arzt beauftragte die schwester, mich als naechster angehoeriger einzutragen, sie funkelte mich an, drehte auf dem absatz um und verliess das zimmer. der arzt, mami und italo schauten mich fragend an. ich schaute unschuldig zurueck. wir machten noch einen termin fuer den naechsten tag. mami und der arzt verliesen das zimmer, italo hielt mich noch kurz zurueck. wir kuessten uns, er hielt mich so fest er konnte. >nicht mal im krankenhaus kann man sich mit dir sehen lassen,< fluesterte er mir ins ohr. >aber bei gucci, valentino und eighner hab ich immer eine gute figur gemacht,< schmunzelte ich. er kniff mich, ich sagte tschuess, ich lieb dich.
Am naechsten tag sassen mami und ich beim chefarzt in seinem buero. er sagte,er wolle es kurz machen. mich beschlich wieder einmal ein ungutes gefuehl. er sagte uns, der entfernte „apzess“ haette sich als tumor herausgestellt und zwar als einer der aggressivsten sorte. die vorgenommene operation waere kein erfolg gewesen, anstatt den tumor vom darm abzuschaelen haette der ganze betroffene darmbereich in einer totaloperation entfernt werden muessen. man muss jetzt abwarten, wie sich die ganze sache weiter entwickelt. ich fragte ihn, ob das hiv eine grosse rolle spielte. er sagte, das spielt jetzt die hauptrolle. auf das kommt es jetzt an. ich sagte, herr professor, italos blutwerte waren bis vor vier tagen so gut wie meine, das ist hier im haus auch dokumentiert. kann es sein, dass sie den karren an die wand gefahren haben, und das mit voller geschwindigkeit. dass sie einfach scheisse gebaut haben. mami fing an zu weinen, er ging nicht darauf ein, ich wusste nichts mehr zu sagen, wollte nur noch von hier weg, hatte nichts mehr zu sagen. er sprach von einer nachfolgeoperation, aber man muesse abwarten. wir gingen nach hause. mami fragte, es laeuft nicht gut? nein, ich glaube, es laeuft gar nicht gut. aber hoffentlich irre ich mich.

am ersten november war feiertag. ich war die nacht in basel unterwegs, ich hatte viel getrunken, dachte, ich haette etwas luft. um 7.30 ging das telefon. markus war dran, er weinte. > hohl mich ab, es ist vorbei, sie koennen nichts mehr tun. < >scheisse itolo, bleib bitte ruhig, ich bin in gut einer stunde bei dir. ich komm so schnell ich kann.
ich kam auf der station an, auf der markus lag. die leiterin kam mir entgegen und sagte mir, dass sie gleich seine sachen zusammen gepackt haetten und wir gehen koennten. ihr blick war sehr kuehl. ich moechte mit dem chef der chirugie und der stadiion sprechen, erklaerte ich ihr. das geht nicht einfach so, meinte sie. sie werden es moeglich machen und sie besorgen mir eine tablette gegen meine kopfscmerzen, bitte. sie erwiederte, aber... ich sagte sofort.
ich war beim professor und chef der chirugie. er sagte mir, dass es vorbei waere, dass er maximal bis januar zu leben haette. ich fragte in , wie konnte das passieren. er war doch immer da, immer unter kontrolle. ich fragte ihn, was haben sie getan. sie haben nicht auf ihn geachtet. er schwieg und senkte den blick, sie wussten, er war possitiv, ihr habt ihn nicht genug beachtet..oder war er es nicht wert, haben sie meinen mann nicht genug geachtet. ich moechte mit seinem artzt sprechen. er ist nicht mehr hier im haus, er lies sich nach lutzern versetzen. bingo, sagte ich. ich stand auf und wollte gehen.<
hoer zu phoenix, es wird schwer was du zu tun hast. du liebst ihn, das ganze krankenhaus spricht von dir, keiner rotzt auf der station herum wie du. den schwestern tut es doch auch leid, was mit euch passiert, jeden tag sterben hier junge maenner an aids. sie stehen genauso hilflos da wie du.
es wird schwer, du bekommst jede hilfe die du brauchst, ich erklaer dir jetzt, was kommt und was du zu tun hast. er sprach mit mir, erklaerte mir alles. der thumor sei sehr aggresiv, koenne taeglich bis zu fuenf zentimetern wachsen, aber das passiert meist nur schubweise. er wuerde starke schmerzen bekommen und sie wuerden mich mit morphium versorgen. ich wuerde kriegen, was immer ich brauche. aber es macht keinen sinn, wenn er hier bleibt, und du penndelst jeden tag hin und her. ich weis, sagte ich, er hat mich schon im griff.
ich nahm seine sachen, setzte ihn in einen rollstuhl und sagte, komm es wird zeit, dass du wieder nach hause kommst. du hast lange genug hier faul rum gelegen.<
italo erhohlte sich ueberraschend schnell. er bluehte richtig auf. er sah so gut aus wie nie, er sah so verdammt gut aus. er ging wieder zur arbeit auf die bank. der tumor wuchs taeglich und unaufhoerlich. er traeumte von einer zweiten operation. die aerzte im kantonsspital machten ihm hoffnung. die blutwerte hatten sich wieder stabilisiert, der tumor wuchs unaufhaltsam. sein bauch schwoll langsam an, mitte dezember bildeten sich blaue flecke auf der bauchdecke, sie sahen aus wie haemathome. an heilig abend gegen vierzehn uhr kam er nach hause. er konnte kaum noch stehen. sein bauch war stark angeschwollen und hart wie stein. ich kremte in ein und gab ihm zum ersten mal morphium gegen die schmerzen. ich rief seinem direktor der ska an und sagte ihm, es waere vorbei, italo kaeme nicht mehr. es war unser zweites gespraech, er wusste bescheid ueber den krebs, aber er war sehr erschuettert. er sagte, ich koenne mich jederzeit an die bank wenden, wenn ich hilfe brauche. ich sagte ihm, ich habe ein konto bei ihrer bank. er wusste es und versprach mir, eine vollmacht auf italos konten auszustellen. das werde ich nicht brauchen, sagte ich. es geht nicht ums brauchen, es geht um unsere wertschaetzung ihnen gegenueber, erwiederte er, und sie koennen ueber sein einkommen verfuegen, sollten sie es benoetigen.<
ich packte markus auf das sofa im wohnzimmer, und wartete darauf dass er schlief. dann packte ich wie jedes jahr spaetzle, sossen und salate in den kofferraum meines wagens und fuhr nach reinach. ich schmueckte mit mami den baum, packten alle geschenke davor, daneben, dahinter. die familie feierte immer am ersten weihnachtstag zusammen. achtzehn bis zwanzig personen. davon sechs kinder und oma. und jeder schenkt jedem etwas, ein aptraum. ich machte andeutungen wegen italo bei mami. sie reagierte nicht, ich wurde etwas konkreter und merkte, sie will es nicht hoeren. es war weihnachten, morgen kam die ganze familie und ihr sohn, sie wollte nicht an die wahrheit denken.
am ersten weihnachtstag brach der tumor durch italos bauchdecke. er hatte auf eimal ein loch im bauch. es trat eine dickfluessige, stinkende bruehe aus. es waren sicher eineinhalb liter. ich rannte mit handtuechern durch das haus, ich war in panik. aber seine bauchdecke entspannte sich, der druck lies nach, es ging ihm besser. ich rief im kantonspital an, dort arbeitete nur ein notdienst. ich erzaehlte, was passiert war. man sagte mir, sie koennten nichts machen. sie haetten auch keinen zugang zu seiner krankenakte, die entsprechenden leute waeren alle nicht da. vor dem 27. wuerde auch bei ihnen nicht viel passieren. er sagte mir aber zu, einen thermin mit der stumaschwester zu vereinbaren. wer ist das?fragte ich,was ist das? sie wird sie im umgang mit dem darmausgang unterweisen, erklaerte er. machen sie das loch nicht wieder zu, fragte ich. das wird nicht gehen, sagte er.
ich wusch italos bauch, packte einen dicken pack mull darauf und pflasterte alles fest. dann rief ich seine mutter an, fragte sie, wieviel verbandsmull sie im haus habe und dass seine schwestern ihre saemtlichen mullbestaende mitbringen sollten. italo hatte sich entschlossen, nicht ins spital zu gehen. er wollte sein letztes weihnachten mit seiner familie zusammen verbringen. ich hatte dem nichts entgegen zu setzen. mami fragte, was los sei. das willst du nicht wirklich wissen, erwiederte ich.
gegen 17.00uhr war die ganze familie in reinach versammelt. italo sass mit seinen nichten und neffen am PC. ich hoerte sie lachen und herum albern. die erwachsenen spielten karten, es war wie jedes jahr. sogar oma hatten wir schon gehohlt, eine sache, die immer soweit wie irgennt moeglich hinausgezoegert wurde.i ch stand mit mami in der kueche und bereitete das essen vor .ich erzaehlte ihr, was passiert war. ich fuehlte mich erschoepft und hilflos, die traenen liefen mir ununterbrochen ueber das gesicht. alle zwei stunden verband ich italos bauch neu. es trat noch immer relativ viel fluessigkeit aus, aber er fuehlte sich wesentlich besser. ich spuehrte, seine krankheit hatte eine neue qualitaet erreicht.
nach dem essen rief ich irene und leo an und bat sie vorbei zukommen und sie sagten zu. italo ging frueh zu bett, er war total fertig. wir sassen bis tief in die nacht zusammen und redeten. sie liebten markus, hatten aber trotzdem eine gewisse distanz zu den dingen, einen abstand, der mir gut tat. ich sprach mit ihnen ueber meine angst vor dem was kommt, von italos glauben an eine zweite operation, von useren gemeinsamen plaenen, die sich nun in luft aufgeloest hatten. mami sass bei uns und war erstaunlich ruhig. sie sass bei uns, hoerte mir zu und schwieg. seine schwestern kamen vorbei, setzten sich zu uns,strichen mir ueber das haar und gingen wieder. es war eine ruhige, eigentuemliche stimmung. ich sprach von meinem vater, der mich aus dem haus geworfen hatte. wir sprachen von meiner mutter, die zwischen uns stand und langsam an der ganzen situation verzweifelte. das gespraech mit ihnen gab mir neue kraft,i ch spuehrte langsam neuen mut in mir aufsteigen. als sie nach hause gingen, fuehlte ich mich bedeutend besser. ich war ihnen sehr dankbar.

- ich traf mich mit der stumaschwester. es war eine ordensfrau, vierundsiebzig jahre alt, zustaendig fuer drei krankenhaeuser. ich stellte mich vor und gab ihr die hand. >du bist phoenix?< sie sah mich erstaunt an. >sie kennen mich?< fragte ich sie. >nein, aber ich habe von dir gehoert!> sie erklaerte mir, wie ich italos bauch zu pflegen und zu versorgen haette. sie zeigte mir die handhabung der stumabeutel und gab mir alles mit, was ich benoetigte. >sie sind allein, phoenix?< fragte sie mich. >ja,< erwiederte ich. >markus mutter kann das nicht, sie kann es schon nicht riechen. das geht gar nnicht.< sie sah mir lange in die augen. >du liebst ihn sehr,< sagte sie, es war keine frage. sie nahm meine hand,>ja < sagte ich, >sehr.< >gott schuetze dich,< fluesterte sie.
ich rief in der bank bei seinem chef an. erklaerte ihm, dass markus nicht mehr kommen wuerde. er war entsetzt wusste aber schon bescheid. ich bat ihn um einen thermin, wenn ich seine persoenlichen sachen holen koennte. er meinte, das brauche ich nicht, er wuerde sie selber zu uns bringen. er fragte, ob man ihn besuchen koennte, klar sagte ich, nur bitte nicht die ganze bank auf einmal.
- es war anfang januar, ein montag. ich war ein wenig gestresst, musste um vierzehn uhr mit italo ins krankenhaus nach basel. der zeitrahmen war ziemlich knapp bemessen. in italos bauch klafften jetzt drei loecher. seine ganze verdauung ging mehr oder weniger nur noch ueber diese "wilden" ausgaenge. die stumabeutel hatten eine feste, am koerper haftende gummiartige platte mit einem loch, konzipiert fuer einen kuenstlich gelegten ausgang. das passte natuerlich alles nicht. ich musste das vorhandene loch schliessen, mit einer schablone die loecher an seinem bauch ausmessen, sie auf die gummiplatte uebertragen, mit einer kleinen schere die loecher ausschneiden, ohne dass der beutel beschaedigt wurde, und das alles seitenverkehrt. es war eine elende fummelei. die ausgaenge veraenderten sich, so dass ich die selbstgebastelte schablone selten laenger als drei tage benutzen konnte. haftete die platte nicht sofort absolut dicht am koerper und kam etwas schmutz dazwischen, war es vorbei und ich musste wieder von vorne anfangen. es war jeden tag fuer uns beide stress pur.
an diesem montag mittag kamen wenig gaeste. gegen zwoelf uhr dreissig wurde ich unruhig. es wurde immer schlimmer, ich bekam panik. ich sagte anna, ich muss nach hause,i hr braucht mich auch nicht wirklich.i ch fuhr heim, stuermte ins haus, rief nach italo und bekam keine antwort. die angst nahm mir die luft zum atmen. ich fand ihn besinnungslos im badezimmer am boden liegen, sein beutel hatte sich von seinem bauch geloest, alles war dreckig und es stank bestialisch. ich schuettelte ihn, bekam ihn aber nicht wach. der schweiss lief mir in stroemen ueber den ganzen koerper. ich rief klaus an, bat ihn um hilfe. er kam sofort, sah sich die katastrophe an und sagte, das duerfte ein darmverschluss sein. er schickte mich weg, nach einer halben stunde lag markus im wohnzimmer auf der couch und schlief friedlich. klaus meinte, sowas koenne sich jederzeit wiederholen, ich muesse mir etwas ueberlegen. er sagte kein wort mehr, er wusste warum. ich bat ihn seine frau zu fragen, ob sie gegen siebzehn uhr eine stunde bei italo bleiben koennte.i ch haette noch etwas im geschaeft zu regeln. das duerfte kein problem sein, meinte er, das macht sie gerne fuer euch.i ch hoffe fuer dich phoenix, dass du weist was du tust. klaus sagte ich, ich hab die wahl zwischen der pest und der cholera. jetzt versuchen wir es mit der pest, auf die cholera koennen wir immer noch zurueck greifen.
ich rief anna an und bestellte alle mitarbeiter auf siebzehn uhr ins restaurant. auch unsere zugehfrau sollte kommen. vor ein paar tagen hatte eine junge koechin um arbeit nachgefragt, auch sie sollte kommen und gleich ihre klamotten mitbringen.
als ich zwei stunden spaeter im restaurant ankam waren alle da. anna hatte vom weinen geroetete augen, ich denke, sie ahnte was jetzt kam. ich erklaerte ihnen was passiert war, bat anna, mit der koechin einen arbeitsvertrag abzuschliessen. wenn ich jetzt nachher hier zur tuere rausgehe, komme ich fuer die naechste zeit nicht zurueck. es geht nicht mehr, ich kann nicht auf beiden hochtzeiten tanzen. also geh ich zu meiner eigenen. micha flog beinah vom hocker, wollte etwas sagen, ich lies ihn gar nicht zu wort kommen, ich wollte nicht diskutieren. anna wuerde die verantwortung fuer die kueche und die finanzen uebernehmen, micha die leitung von der theke und vom restaurant. ich weiss dass ihr das koennt,i ch verlass mich auf euch, sagte ich, und nun muessen wir uns ueberlegen, was wir den leuten sagen, es muss eine gute luege sein und vorallem muesst ihr allen das gleiche erzaehlen, sonst steuern wir in eine katastrophe. wir einigten uns auf eine viruserkrankung meinerseits. ich rief klaus an, fragte ihn, ob das machbar waere. er sagte ja, sowas kann sehr langwierig sein. du tust es also, fragte er, du weist was auf dich zukommt? nein sagte ich, ich weiss es nicht, aber ich bin fuer alles neue offen. er brummte irgennt etwas, das wie arschloch klang und legte auf.
- februar 1991. italo wir fahren ins tessin. >jetzt?< fragte er.>ja< sagte ich, >und deine mutter faehrt auch mit.< >es ist kalt dort,< >na und< fragte ich, >hat dich das schon einmal gestoert?<
es gab viel zu packen und an vieles zu denken, es war so, wie wenn man mit einem baby verreist. wir kamen an, es war furchtbar kalt. ich hatte einen radiator mitgenommen und feuerte den kamin ununterbrochen, aber es dauerte ewig bis das haus einigermasen warm war.
in dem dorf gibt es ein resteurant am bahnhof. die besitzerin heist agnes, ist etwas speziell in ihrer art und hat einen stern im michelin. wir wollten die ganzen jahre einmal dorthin, aber irgennt wie hatten wir es nie geschafft. am morgen nach dem tag als wir angekommen waren, ging ich auf den marktplatz broetchen holen. vor der kirche traf ich den priester von intragnia. er wusste schon bescheid. er fragte mich, wie es uns geht, ich erzaehlte ihm. wir gingen einen kaffee trinken auf der plazza, er hoerte mir zu, er schwieg,i ch bat ihn um einen gefallen. kommt heute abend um 19.00uhr in die messe, sagte er. ich bin aber evangelisch, sagte ich. das macht nichts, meinte er und nahm meine hand. ich ging weiter, ging zum bahnhof. um 18.00uhr sagte ich zu italo und seiner mutter, zieht euch an, wir gehen in die kirche. die diskussion war kurz und laut, wir gingen. es waren nicht viele menschen dort, ein paar alte frauen. der pfarrer predigte, auf italienisch natuerlich, ich verstand kein wort. dann trat er zu italo und mir. er redete mit italo. italo schaute mich an, schaute den priester an, schaute mich an, ich verstand kein wort. dann segnete er uns. markus mutter weinte, dann war es vorbei. wir kamen aus der kirche. was hast du getan fragte italo. nichts,sagte ich, du warst mein mann seit der ersten nacht die du bei mir in neuenburg verbracht hast. seine mutter heulte immer noch. wir gingen richtung bahnhof, entgegengesetzt wie nach hause. sie fragten mich wo ich hin will. zu agnese, sagte ich. die hat im februar geschlossen, sie wussten immer alles besser. sie wartet auf dich, sagte ich.
der abend war wunderschoen, das essen sensationell. italo konnte nicht mehr viel essen, aber um das ging es auch nicht. es waren auch noch ein paar andere gaeste da, wir waren nicht allein, es war nur schoen. italos mutter schaute mich an, es gab nichts zu sagen, wir verstanden uns auch so. agnese kam an unseren tisch, redete mit italo, auf italienisch. markus schaute mich an, schaute sie an, schaute mich an. morgen fahren wir nach hause, sagte ich zu agnes, ich melde mich an der VHS an. was soll das ,fragte italo. ich lern italienisch, erwiederte ich. agnese packte mich am genick und rief antonio dem kellner zu, bring kaffee und grappa fuer meine gaeste.

- maerz 1991. der tag hat vierundzwanzig stunden, ich benoetigte drei mehr. die zeit glitt mir durch die finger, ich war staendig irgennt wie eine stunde hinterher.
es war schwer, markus nachts ins bett zu bekommen, er hatte das vertrauen in den schlaf verloren. es zog sich oft bis zwei uhr nach mitternacht hin, bis ich ihn endlich soweit hatte, dass er schlafen ging. seit ende januar hielt ich ihn mit morphium ruhig. er hatte angst vor den schmerzen. er verlohr stark an koerpergewicht, magerte immer mehr ab. er nahm seine mahlzeiten zu sich, aber sein koerper nahm die naehrstoffe nicht mehr auf. er starb jeden tag ein stueck mehr und ich stand hilflos daneben. seine verdauung ging nur noch ueber die ausgaenge an seinem bauch ab. der ausfluss war hochgradig hiv verseucht, ich wusste es, konnte nichts an der situation aendern, sprach nicht drueber.
italo schaute fern. der preis ist heiss, gluecksrad, alles was es so gab. keine nachrichten mehr, nichts aktuelles, nichts negatives. er hatte jedes interresse an der gegenwart verloren. seine ganze aufmerksamkeit richtete sich auf seinen bauch, mich nahm er oft als mensch gar nicht mehr wahr.
die taegliche koerperpflege zog sich immer mehr in die laenge. es war qualvoll fuer ihn und fuer mich. nachts schwitzte er sich und sein bett zweimal klatsch nass. ich zog ihn neu an, bezog sein bett neu, zweimal jede nacht. er rollte koenigin victoria von england die ganze nacht um den erdball, sein bett und er blieben trocken. ich war erstaunt und fragte ihn nach dem grund. er ezaehlte es mir und dann fungtionierte der trick nicht mehr. die waschmaschine und der trockner liefen tag und nacht.

ich hatte vom kantonspital ein dauerrezept bekommen und deponnierte es in der storchenapotheke unterhalb des krankenhauses gegenueber vom hotel "drei koenige". gegen vorlage des personalausweises bekam ich dort alles was ich so brauchte. verbandsmull, tumabeutel, morphium. der professor hatte wort gehalten.
markus vertrug das morphium nicht. er sah kleine gruene maennchen bei geoeffneten augen. sie sprachen mit ihm wenn er fern sah, sie verfolgten ihn in seinen traeumen. er geriet in panik, sie erzaehlten ihm nichts gutes. ich fuhr mit dem ganzen zeug nach basel, erklaerte, dass es so nicht geht. wir versuchten ein anderes medikament von einem anderen hersteller, es funktionierte.
morgens um fuenf stand ich auf, schlich mich aus dem haus und ging in mein geschaeft. ich setzte sossen an, bereitete das tagesessen vor, machte bestellungen, hinterlies nachrichten und memos, schabte spaetzle und schlug die kasse ab. ich war zu einem phanthom in meinem eigenen laden geworden. gegen acht uhr, bevor italo erwachte, war ich wieder zu hause. eine bleierne muehdigkeit wurde zur gewohnheit.
irene kaufte ihre blumen fuer leos geschaeftsparner in einer gaertnerei in deutschland. bei dieser gelegenheit kam sie immer auf einen kaffee vorbei. ihre besuche waren wichtig fuer mich. sie hoerte einfach zu, dusselte nicht gefuehlsmaesig rum, sah die dinge einfach so wie sie waren. sie tat mir gut. anna kam taeglich, wir besprachen alles, was das geschaeft betraf. sie war vor jahren einmal verliebt in mich, und ich spuerte wie sie mit mir litt. ihre ehe mit micha war am ende, er hatte eine neue frau kennengelernt, war kaum noch zu hause. mitte juni wuerde sie ihren zweiten schein an der uni machen, dann wuerde sie gehen. wir sprachen nicht darueber, wir wussten beide, wie es laufen wuerde.
ich stand im bad und hiehlt mein gesicht unter fliessend kaltes wasser. markus hatte mich geschlagen, voller zorn, mit voller kraft. mein gesicht schwoll immer mehr an, ich war total entstellt. ich sah in den spiegel und fuehlte mich leer, unendlich leer. ich blutete aus der nase, hatte eine wunde an der linken augenbraue.
es klingelte, irene stand vor der tuer. sie fragte mich nichts, nahm mich in den arm und hielt mich einfach nur fest. anna kam, sie klingelte nicht, sie hatte einen schluessel. sie sah mich an und flippte aus, italo weinte. italos mutter rief an, fragte wie es ihm ging. danke, sagte ich, es geht mir sehr gut, schoen dass du fragst. es entstand eine lange pause. ist alles in ordnung bei euch, fragte sie. ich reagierte nicht auf ihre frage. was machst du am freitag, fragte ich. sie hatte stammtisch mit ihren tennisfrauen. daraus wird nichts, erklaerte ich ihr, ich bring dir deinen sohn am nachmittag und hol ihn am sonntag wieder ab, ich brauche auch mal frei. markus fing an zu protestieren, irene fuhr ihm scharf ueber den mund, anna meinte, jetzt reicht es, halt die klappe. seine mutter wollte noch was sagen, ich sagte dann bis freitag und legte auf. eine minute spaeter kam ein neuer anruf, ich gab irene den hoerer, es war wieder mami. ich setzte mich nach unten in die kueche, wollte nichts mehr hoeren.
am freitag packte ich italo ins auto und fuhr nach basel. wir hatten nur noch das noetigste miteinander gesprochen. ich war nicht boese mit ihm, in mir war ein gefuehl, ich kann es heute noch nicht erklaeren. er hatte eine grenze ueberschritten und ich konnte nicht damit umgehen.
mami war entsetzt als sie mich sah. ich versorgte italos bauch, wir kochten abendessen, dann machte ich mich fertig um auszugehen. du willst weg, so? fragte sie mich. warum nicht, sagte ich, gibt es etwas fuer das ich mich schaemen muesste. aber... nichts aber mami, dein sohn hat etwas nicht gelernt, oder hat es vergessen. das zauberwort heisst respekt, achtung des anderen. ich bin sowas nicht gewohnt, bei uns gab es so etwas nicht, ich kenn so etwas nicht, ich weiss nicht, wie ich damit umgehen soll. was lernt ihr hier in der schule, oder war er krank als das thema behandelt wurde? hat er sich in der stunde wieder auf dem maennerklo rumgetrieben? ich nahm einen hausschluessel und ging.
ich traf mich mit unseren freunden. wir sprachen nicht viel ueber mein aussehen.walti fragte >autounfall?< >strassenbahn!< >eine tram in neuenburg? chic!<. damit war das thema erledigt.
walti fuhr mich gegen vier uhr am morgen nach reinach zurueck. ich war sturzbesoffen. waehrend der fahrt machte ich mich noch ueber seine musterflaschen an martini/baccardi auf dem ruecksitz her. er schloss mir die haustuere auf, klingelte lang, schob mich ins haus und fuhr nach hause.
italo war wach. er hatte gewartet wie immer. er fragte mich etwas, ich verstand nichts mehr. lass mich in ruhe, grunzte ich. lass mich einfach in ruhe, ich habe frei. ich schmiss mich auf die coutch und war weg.
sie ließen mich schlafen, ich schlief bis in den spaeten nachmittag. als ich erwachte waren irene und leo da. mami machte mir kaffee, schaute mich unsicher an. es ist alles in ordnung, sagte ich zu ihr, es ist vorbei, mir geht es gut. wir hatten in unserer beziehung eine grenze ueberschritten, ich wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte, wusste nicht mehr, an was ich glauben, was ich fuehlen sollte. es war ein fremdes gefuehl, ein unwirklicher zustand, aber der druck im magen und in der brust, er war verschwunden.
ich versorgte italos bauch, ging mit ihm unter die dusche und zog ihm frische kleider an. ich spuehrt seine angst, seine unsicherheit, wie ich mich entscheiden wuerde. anschliesend kochten wir abendessen. wir einigten uns darauf, dass ich von nun an jeden freitag mit markus nach reinach kommen wuerde. auch irene erklaerte sich bereit, ab und zu einen abend bei markus zu bleiben. italo protesstierte, wir ignorierten ihn, dieses eine mal musste er sich fuegen. an diesem abend ging ich nicht mehr in die stadt, ich blieb zu hause in reinach. die anspannung lies langsam nach, wir spielten karten, der alltag hatte uns wieder. am sonntag spaetnachmittag fuhren wir zurueck nach hause.
markus verlor immer mehr an gewicht, sein koerper war zum skelett abgemagert. seine fuesse waren von wasser dick angeschwollen. es war krotesk. seine augenlieder schlossen sich nicht mehr ganz, wenn er schlief, sie waren in seinem ausgemerkelten gesicht hinter die augaepfel gerutscht. das anbringen des stumabeutels wurde zum problem. auf seinem ausgemerkelten koerper gab es nicht mehr genug glatte haut um sauber und luftdicht daran zu haften, er zog laufend luft an und wurde undicht.
italo wollte keinen besuch mehr, wollte niemanden mehr sehen, nein, wollte dass niemand mehr ihn so in seinem koerperlichen zustand sieht. ich rief auf der bank an, bat darum, seinen wunsch zu respektieren. das gleiche galt fuer unsere freunde und die nachbarn. anna kam immer noch taeglich vorbei ,irene und mami an zwei abenden der woche, ab und zu eine seiner schwestern. es wurde still um uns herum, die welt hatte sich zurueck gezogen, die natur erwachte vor dem fenster, trieb neues gruen, fuer uns stand die zeit still.
ich bat angelika italos haare zu schneiden. es waren nicht mehr all zu viele, die meisten hatte er verloren. wir waren seit jahren befreundet, feierten gemeinsam unsere geburtstage, waren seit langem kunden in ihrem salon. sie kam eines abends vorbei, erschrak als sie ihn sah, schnitt seine haare, alberte mit ihm herum. ich stand in der kueche und richtete ihr einen drink als sie die treppe herunter kam und grusslos an mir vorbei aus dem haus rannte. ich folgte ihr auf die strasse. sie stand da und weinte, ihr ganzer koerper wurde wie von kraempfen geschuettelt, zwei nachbarn redeten auf sie ein. ich nahm sie in den arm, hielt sie ganz fest, sie weinte hemmungslos. > phoenix, ich habe es gewusst, die ganze stadt weiss es, aber das habe ich nicht gewusst. wie haelst du das nur aus.< ich erzaehlte ihr, dass es nicht so schlimm war, dass es ja nicht von heute auf morgen gekommen waere, dass es ja ein langsamer, schleichender prozess gewesen war. wir gingen zurueck ins haus und setzten uns in die kueche. italo schlief erschoepft auf der coutch im wohnzimmer. >sei bitte nicht boese phoenix, ich kann das nicht noch einmal machen, ich schaff das nicht,< fluesterte angelika. >es wird kein naechstes mal geben, es ist bald vorbei, nach meinung der aerzte sollte es schon lange vorbei sein.< > aber?< fragte sie. >er ist stur, sein herz ist noch jung, er will nicht sterben, er kann nicht loslassen. er war doch immer so.<
spaeter am abend kamen mami und irene vorbei, sie hatten sich nicht angemeldet. das telefon klingelte, es war alexander, der mann von angelika. er fragte, ob sie noch kurz vorbeischauen koennten. ich fragte markus, ob die zwei noch kommen koennten, angelika haette vergessen seine augenbrauen zu schneiden. er wollte nicht, sagte nein, ich ging zurueck ans telefon und sagte, es geht klar,kommt vorbei.
wir sassen im esszimmer an dem grossen runden tisch. alex wollte hoch zu italo, ich hielt ihn zurueck. lass ihn, sagte ich zu ihm, er weiss dass ihr alle da seit, er wird kommen, aber er muss es von sich aus tun. wir sassen zusammen, unterhielten uns und warteten. oben enstand unruhe, italo war aufgestanden, mami wollte zu ihm, ich hielt sie zurueck. er erschien auf dem treppenabsatz, wir sahen nur seine beine. ich legte meine hand auf alexanders oberarm und drueckte fest zu. er verstand. markus kam zu uns an den tisch, lachte, alex sog hoerbar die luft ein und atmetete sie stossweise wieder aus. dann stand er auf, nahm italo in den arm und fluesterte ihm einige worte ins ins ohr. makus kicherte, dann setzte er sich zu uns an den tisch. es wurde ein langer abend, irgennt wie war es wie frueher. markus bluehte noch einmal auf, man sah ihm an, er genoss unser zusammensein.
sie waren alle weg, wir lagen im bett, redeten noch ueber dies und das. er schlief ein. in dieser nacht erlitt er seinen ersten leichten schlaganfall.
am darauf folgenden morgen, ich kam wie immer aus dem geschaeft zurueck, war er schon wach. er hatte das bett verschmutzt, konnte sich nicht mehr richtig artikulieren, seine beine trugen ihn nicht mehr. ich fing an, ihn zu tragen.
die worte kehrten zurueck. etwas langsamer zwar, ein wenig schleppend, aber sie waren wieder da. mit dem gehen war es schwieriger. er hatte nicht mehr die kraft sich allein auf den beinen zu halten. er litt darunter, so auf mich angewiesen, mir ausgeliefert zu sein. zwischen uns stellte sich eine art sprachlosikeit ein, der krebs bildete jeden neuen tag eine barriere zwischen uns, und es wurde von tag zu tag schwerer, sie zu ueberwinden.
wir waren nun jedes wochenende in reinach. freitag abend ging ich in die stadt nach basel, traf mich mit meinen kollegen. walti war immer da, wartete auf mich. wir zogen um die haeuser, flachsten mit fremden kerlen rum, versuchten spass zu haben. nach italo fragte er nicht mehr, er wusste bescheid, es gab nichts mehr zu reden. ab und an hatte ich sex mit anderen maennern. niemand bekam etwas davon mit. die spielregeln waren klar,es gab kein morgen, kein wiedersehen, keine telefonate. meine beziehung mit markus beruehrte das alles nicht, ich nahm ihm auch nichts mehr weg. ich wollte mich selber wieder spueren, ob mein koerper, ob ich als mann noch funktionierte. das war nicht ganz fair, aber mehr hatte ich nicht zu geben, fuer mehr war kein platz, ich hatte einen mann, den ich liebte und der mich brauchte. prinzipien und moral sind etwas fuer leute, die sie sich leisten koennen, ich kaempfte ums ueberleben. und es tat mir gut, half mir, die kommenden tage zu ueberstehen. bis zum naechsten freitag.
20.juni 1991. markus war in reinach, ich kam aus neuenburg zurueck. es war ca.1.45uhr am morgen. ich hatte gearbeitet, eine goldene hochzeit, sehr nette gaeste. am abend zuvor war ich in basel unterwegs, ich war totmuehde, wie immer in diesen tagen. als ich ankam, brannte ueberall im haus licht, alle zimmer waren hell erleuchtet. ich schloss auf und ging ins haus, es war alles still. mami sass bei italo und hielt seine hand. er schaute mich mit seinen grossen braunen augen an, der stumabeutel hatte sich geloest, der boden war uebersaeht mit verschmutzten handtuechern. es stank wiederlich. mami sah erschoepft und um zwanzig jahre gealtert aus. italo hatte einen weiteren schlaganfall erlitten. er konnte nicht mehr sprechen, sich nicht mehr bewegen, selbst seine arme konnte er nicht mehr kontrollieren. ich nahm ihn aus dem bett, trug ihn ins bad,machte ihn sauber so gut es ging, versorgte seinen bauch neu, zog ihm frische kleidung an. mami wechselte derzeit die bettwaesche und reinigte das zimmer. um fuenf uhr morgens war ich fertig. ich legte mich zu ihm ins bett, ich wollte ihn nicht allein lassen. ich hielt ihn in meinen armen, er schlief tief und fest. er roch nach seife und shampoo, er roch nach verfall und nach tot. ich fuehlte mich wehrlos, machtlos. ich konnte den lauf der dinge nicht mehr beeinflussen, ich musste einen schritt zur seite treten. die aerzte hatten januar gesagt, es war jetzt mitte juni, sportlich gesehen hatten wir das ganze feld weit hinter uns gelassen, aber um welchen preis. ich war hellwach, konnte nicht schlafen. mami machte fruehstueck, sie war auch nicht schlafen gegangen, wir sassen zusammen in der kueche, tranken unmengen kaffee und lauschten italos atem. sie begann zu erzaehlen, wie es war als markus vater starb, wie italo mit fuenfzehn nach hause kam und ihr erklaerte, er sei schwul. von den maennern, die kamen und gingen, von thomas. sieh sah mir in die augen, nahm meine haende, wir waren uns nie so nah als in diesem augenblick. wenn ich jetzt meinen sohn verlieren muss, dann musst du wissen, ich habe einen sohn dazu gewonnen. hier bist du immer zu hause, immer willkommen. markus schlief tief und fest, ein neuer tag brach an. ich dachte an den mann, mit dem ich am freitag zusammen war, fuehlte mich einsam, beschissen.
wir blieben den ganzen sonntag in reinach. italo wollte nicht mehr transportiert werden. am montag das gleiche. ich fuhr am spaeten nachmittag allein nach neuenburg zurueck, ging arbeiten. anna war besorgt, sie hatte am naechsten tag ihre letzte vorlesung in freiburg, danach kamen die pruefungen. ich versprach ihr, auf jeden fall am abend dazusein. italo hat so lange gekaempft, die paar tage duerften auch kein problem sein, das schaffen wir schon. ist es so schlimm, fragte micha. es ist vorbei, sagte ich, kein mensch kann von eistee und morphium leben. jeder tag, den er noch erlebt, ist ein tag zu viel, es ist nur noch eine einzige qual fuer ihn, fuer uns alle.
10.6.07 18:14


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schwule lebenslieben/luegen

- juli 1990. wir fuhren nicht ins tessin, ich hatte nein gesagt. ich sass mit gaesten am tisch und unterhielt mich. markus war in der kueche, schon verdaechtig lange. ich stand auf und ging nachschauen. er hatte es mir versprochen, dieses jahr kein tessin. anna und er fuhren auseinander und verstummten, als haette ich sie bei gott weiss was erwischt. er trug eine neue jeans, sah gut darin aus, verdammt gut. > nein,< sagte ich, > es gibt keine diskussionen mehr, anna, italo, bitte. wir fahren ans meer. es ist gebucht und bezahlt, wir fahren nach sylt.< italo rauschte aus der kueche, anna war begeistert. eine mitarbeiterin kam dazu und raeumte die leeren teller ab. >hat irgennt jemand heute abend eine rechnung von markus eingeloest? wenn ja, dann wuerde ich sie gern sehen. jetzt! auch von dir anna. ich bekam den zettel, schaute auf den endbetrag, es nahm mir die luft. >ist er noch da? seit ihr verrueckt geworden? das kann ja wohl nicht wahr sein! wo ist er?< >er sitzt an tisch 7 mit drei frauen zusammen. du solltest einmal hingehen.. er wartet auf dich.< > er watschelt, wenn er sauer ist. er drueckt den ruecken durch und watschelt los. ich lieb ihn dafuehr < anna sah mich fragent an. >er watschelt. ich schlafe jede nacht mit dem schoensen man zwischen stuttgart und basel ein, aber er watschelt wenn er sauer ist. < ich nahm die rechung, ging an die theke, holte das scheckbuch und fuellte einen aus. ich stellte ihn hoch aus. verwendungszweck liebe! schrieb ich hintendrauf. du bist alles fuer mich, lass mich bitte nie allein. > an den absender retour. urlaubsgeld.< ich gab den scheck samt rechnung der bedienung zurueck.

italo sass mit drei frauen am tisch. er beobachtete aus den augenwinkeln alle meine bewegungen. die bedienung gab ihm den check und fing an mit ihm zu tuscheln. er starrte auf die summe, drehte ihn um und lachte. die frauen schauten mich fragent an. ich ging und den tisch und sagte hallo. sie waren alle drei ende der fuenfzig,, aber sehr nett. eine hatte die langen schwarzen haare zu einem pferdeschwanz zusammengebunden und schaute mich unverwandt an. sie war nicht stark geschminkt, aber irgentwie sonderbar, dezent auffaellig. mein blick fiel immer wieder auf ihre haende, vierzehn ringe an zehn fingern , ich war beeindruckt. ich legte meine hand auf italos schenkel die frau nahm meine andere hand, beugte sich ueber sie. es war seltsam. ich wollte ihr die hand entziehen, aber es ging nicht. ich bekam eine gaensehaut, alle haare richteten sich an mir auf. sie starrte auf meine handflaeche und dann in mein gesicht. > heiraten sie nie < sagte sie und stiess die hand,zurueck an meine brust. > niemals<. sie stand auf, die anderen folgten ihr erschrocken nach. markus schaute mich fragend an. ich war entsetzt. es hatte so harmlos angefangen. > ich bin verheiratet, der ring an unseren haenden duerfte ihnen kaum entgangen sein!< > chef, du sollst in die kueche komme.< die bedienung stand vor mir und verdrehte die augen in richtung kuechentuer. > geh nach hause, pack deine klamotten und dann leg dich schlafen. micha macht schluss, es wird nicht spaeht, ich komm so bald wie moeglich nach.< markus ging, ich sah ihm hinterher. ihn jetzt umarmen, festhalten, ihn einfach nur spueren, es ist kalt ohne ihn.

> wir haben ein problem. es ist gar nicht sylt, nicht der urlaub. er hat angst. du bleibst jetzt stehen, wo du stehst! wie geht es ihm eigentlich? < >es ist alles ok, er spricht nicht darueber, aber es geht ihm gut! gute pflege! kennst du den unterschied zwischen hiv und liebe? gegen hiv kannst du dich schuetzen! < >er hat 750 000 dollar falsch gebucht. nicht er, aber eine mitarbeiterin von ihm. das geld ging in den iran. sie hat eine falsche nummer getippt, bankleitzahl? konto? aber er ist dafuehr verantwortlich, und das geld ist weg. < ich war sprachlos! > in den iran, du sagtest iran? ist der denn verrueckt geworden? seit wann weist du das schon?< >drei tage?< > ich darf mich bewegen? ich darf nicht schreien? ich darf tot umfallen? ich habe ihm ein haus gebaut, ich arbeite vierzehn stunden am tag, aber ich bin nicht kompetent genug, dass man mit mir darueber spricht? fuer was bin ich in dieser beziehung zustaendig? fuers bezahlen? da heult man sich lieber bei meinen mitarbeitern aus, als mir ein wort zu sagen.< > vielleicht hat er genau davor angst, dass du so reagierst, ausserdem ist die bank versichert, mehr als einen kraeftigen tritt in seinen huebschen hintern wird er nicht kriegen.< >das ist nicht das problem, tu jetzt nicht so, seit ihr eigentlich alle wahnsinnig. macht das ihr raus kommt, geht nach hause, ich will euch nicht mehr sehen. und nimm deinen mann mit. wir reden darueber, wenn ich in zehn tagen zurueck bin. aber anna, so geht das nicht, nicht mehr!<

ich kam spaeht nach hause. markus war noch auf und am packen. ich schaute ihm schweigend zu. auf seiner oberlippe standen kleine schweissperlen, wie immer, wenn er sehr konzentriert oder angespannt war. ich starrte auf den berg von kleidern. > was soll das geben italo, du ziehst aus? dann nimm aber gleich alles mit! wir fahren nur fuer acht tage weg und zwar ans meer und nicht in die skiferien. also lass das bitte.< > phoenix....< > nicht jetzt markus. wir haben morgen waerend der fahrt zehn stunden zeit zum reden. auf die paar stunden kommt es jetzt auch nicht mehr an.< ich griff mir die hundeleine und ging mit remy spazieren. das telefon laeutete. wahrscheinlich anna, hoeren ob ihr kleiner liebling noch lebt.

um acht uhr am anderen morgen fuhren wir los. markus hatte das gepaeck im auto verstaut und remy sass schon eine stunde vorher im wagen, wir koennten ihn ja sonst vergessen. wir hatten an diesem morgen nur das noetigste miteinander gesprochen und auch waerend wir losfuhren sprachen wir nicht miteinander. ich legte eine kassete ein und drehte die musik laut. ich wusste, er mochte diese art von musik gar nicht, aber es war mir egal. ich dachte, komm nur, wenn du etwas von mir willst. kurz vor offenburg schaute ich in den rueckspiegel direckt in ein paar runder, gelber augen. ich bis die zaehne zusammen, mein puls raste. bei der naechsten abfahrt fuhr ich runter von der autobahn und drehte um. > stimmt etwas nicht?< markus sah mich fragend an. > doch italo, es ist so wie immer. du hast wieder zuviel mitgenommen. dreh dich mal um und dann sag mir, was deine katze hier zu suchen hat.< er schaute nach hinten und fing an zu fluchen, dann redete er auf italienisch auf das tier ein. markus katze wuchs zweisprachig auf, franzoesisch sollte erst naechstes jahr dazukommen. wir waren ueber zwei stunden unterwegs und wieder zu hause! italo trug die katze ins haus und wollte noch kurz telefonieren. > kein problem, lass dir zeit, der letzte zug faehrt kurtz nach einundzwanig uhr ueber den damm und wenn wir den verpassen ist der urlaub eh fuer mich gelaufen.< er schaute mich gequaelt an. nach dem auch das erledigt war fuhren wir zum zweiten mal los.

vor kassel standen wir im stau. es war ein heisser sommertag, remy hechelte mir ins genick, ich schaute alle drei minuten auf die uhr, es ging einfach nicht mehr weiter. irgentwo weit vor uns landete ein hubschrauber und in mir kam langsam panik auf. markus ging bei jedem halt den wir einlegten telefonieren. irgennt wann kam er zurueck und lachte. > das geld ist wieder da?< er nickte. > phoenix, ich.....< > vergiss es, erzaehl es anna, sie kann es mir dann ja bei gelegenheit erklaeren. es interresiert mich jetzt nicht, also lass es.< schon die ganze fahrt ueber dachte ich darueber nach, was eigentlich passiert war. warum ich auf einmal so genug hatte. es war doch die ganzen jahre gut gelaufen und nun das, ich wollte nicht mehr. am liebsten haette ich ihn auf dem naechsten parkplatz ausgesetzt und waere allein weiter gefahren. ich verstand mich selber nicht.

markus zog sich aus, stueck fuer stueck. es war eine affenhitze im wagen und wir standen immer noch im stau. er legte seine hand auf meinen oberschenkel und begann mich zu streicheln, er war jetzt ganz nackt. er begann an meiner jeans herum zu fummeln, mir lief der schweiss ueber das gesicht. ein reisebus schob sich neben uns. ein paar koepfe schauten auf uns herunter, dann immer mehr. ich schob ihn weg von mir und machte meine hose zu. > zieh dir bitte etwas an, aber schnell, die da oben suchen schon den photoapperat.< markus schaute nach oben, winkte und zog sich seine shorts an. mehr war im augenblick bei ihm nicht zu machen. die leute im bus schienen entaeuscht, ich war frustriert.

es ging irgennt wann weiter und wir erreichten auch noch den letzten autozug hinueber nach sylt. unsere ferienwohnung lag ca. zwei kilometer ausserhalb von westerland in einem wunderschoenen reetgedeckten haus direkt an einem dorfteich. wir waren begeistert, langsam entspannte ich mich und remy war von den enten auf dem teich entzueckt. die hausbesitzer waren sehr nett und etwas erstaund, sie hatten wohl aeltere leute erwartet. sie hatten selber zwei hunde, das appartment war klasse, es passte alles. am naechsten morgen hatte das wetter umgeschlagen. es war merklich kuehler geworden und es ging ein heftiger wind. wir wanderten den strand entlang, kilometerweit. markus sammelte kleine muscheln und steine fuer den teich zu hause, remy jagte den wellen hinterher und sah bald aus wie sau, nur ich war immer noch verunsichert ueber meine gefuehlslage. nie hatte ich an unserer beziehung gezweifelt und nun war ich mir ueber nichts mehr sicher.

am abend gingen wir zum essen nach westerland und anschliessend in eine schwulendicothek. normalerweise haette markus protestiert, aber diesmal traute er sich nicht. remy hatten wir im appartment zurueck gelassen, er war fix und fertig und schlief. ich sass am der theke und schaute markus beim tanzen zu. der barmann stellte zwei glaeser vor mich hin und schaute mich an. > danke ich habe nichts bestellt < ich schob die glaeser von mir. > die gehen aufs haus < er nahm ein glas und streckte es mir hin. > und du fragst vorher nie? < > nie! <. > du bist ganz schoen mutig < er grinste und wir stiessen zusammen an. er sah gut aus und er wusste es. wir unterhielten uns und nebenher bediente er die anderen gaeste. all zu viel gab es an diesem abend nicht fuer ihn zu tun. beide sahen wir italo beim tanzen zu. > du bist schweitzer?< ich lachte. > der schweitzer tantzt da drueben, ich bin deutscher.< > ich dachte, er ist....< > ich weiss, italiener, spanier, araber,whatever. er ist deutschschweitzer, auch wenn man es nicht glauben mag.< wir schauten weiter zu, markus tantzte schon lange nicht mehr fuer sich allein. > schade, dass die besten maenner immer schon vergeben sind!< ich schaute ihn an. > du musst ihn halt fragen, zu schuechtern dazu scheinst du nicht zu sein < > ich meine nicht ihn, ich rede von dir < > das koennte aerger geben, das lassen wir lieber, du hast recht, ich bin nicht zu haben, jedenfalls nicht heute abend < italo kam von der tanzflaeche zurueck, mein verehrer hatte sich entfernt. > was will der von dir, er macht dich an?< ich schaute mich suchend um. > phoenix, bitte lass den scheiss, ich hab euch genau beobachtet, ich hab es gesehen.< er schaute mich an. in seinen augen stand angst und unsicherheit. dann war es auf einmal vorbei. die zweifel waren wie weggeblasen. du bist ein idiot, dachte ich, ein verdammter idiot. du liebst ihn, daran wird sich nie etwas aendern. ich zog ihn zu mir heran und nahm ihn in den arm. > komm wir gehen nach hause. das wird hier nichts mehr mit uns. du bist ein idiot, du weisst genau, es gibt keinen anderen fuer mich.< wir bezahlten und gingen zurueck, liefen mit remy um den dorfteich und dann waren wir zusammen, es war beinahe so wie in unserer ersten nacht.

die woche war ein voller erfolg, ich genoss jeden tag und fuehlte mich mehr erholt als nach drei wochen irgennt wo im sueden. das klima hatte uns beiden gut getan. ich war voller energie, die welt konnte wieder kommen und an unsere tuere klopfen. > ich wuerde gern mal nach skandinavien < wir waren auf der fahrt zurueck nach hause. > ok, aber an ostern fahren wir wieder ins tessin < ich rollte mit den augen. > das mit der frau, der zigeunerin, was glaubst du, koennte man das wort heirat auch durch beziehung ersetzen?< markus schaute mich verwundert an. > natuerlich, nicht einmal in der disco kann man dich fuenf minuten allein lassen.< er ueberlegte > mach dir keine sorgen, es ist schon ok so, fuer mich bist du ok so. und nun mach hin, ich will nach hause. meine katze ist sicher schon ganz krank vor sehnsucht nach mir < wir wussten es nicht, es wuerde nie mehr einen gemeinsamen urlaub geben, es war vorbei, ich war nie in skandinavien.

 

 

 

 

 

 

 

 

10.6.07 18:38





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