eine geschichte ueber die liebe
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schwule lebenslieben/luegen

fuer petra und ihre vielen ungestellten fragen.

-1975. ich war fuenfzehn jahre alt, als ich mein elternhaus und die kleine stadt am fusse der schwaebischen alb verliess. ich ging nach stuttgart um eine lehre als koch zu beginnen, in einem renommierten hotel auf den fildern nahe dem flughafen. die stelle hatte ich mir mit unterstuetzung eines wirtsehepaares und dem erbitterten wiederstand meiner eltern selbst besorgt und ich war verdammt stolz darauf. dreissig mitbewerber hatte ich hinter mir gelassen und den job bekommen. ich war begeistert, meine mutter war entsetzt. sie dachte mit schrecken an die nach altem fett stinkende waesche, an den rauhen umgangston, der in kuechen herrschen sollte, von den arbeitszeiten ganz zu schweigen. fuer eine frau, die in reutlingen die strassenseite wechselte, wenn sie an einer wurstbude vorbei musste, weil sie den geruch nicht vertrug, war meine berufswahl schwer zu verstehen. mit krawatte und jacket auf der sparkasse oder volksbank kam ihrem ideal von einem beruf fuer ihren sensiblen sohn schon weitaus mehr entgegen, aber der tat sich mit dem rechnen schwer und hatte andere plaene. schliesslich gab sie sich geschlagen, bestellte bei einer tante sechs ballen weissen baumwollstoff und einhundert meter weisses band und begann kochschuerzen zu naehen in allen erdenklichen laengen, was der ballen so hergabg. und aus den letzten resten wurde noch ein halstuch gezaubert. so tauschte ich den mief und die enge der kleinstadt gegen den fettschweren duft einer hotelkueche und nachts bei geoeffnetem fenster wenn der wind guenstig blies, gegen die schwaden von vergorenem weisskraut der firma hengstenberg.

die ersten monate meiner lehrzeit waren schwierig. ich bewohnte ein personalzimmer im altbau des hotels direkt ueber einem restaurant und teilte die dusche mit jeder menge anderen angestellten und auszubildenden. eigentlich war immer etwas los, aber nicht fuer mich. die andern stammten zum groessten teil aus stuttgart oder aus der umgebung, gingen nachts in diskos oder waren mit ihren freunden und kollegen in deren autos unterwegs. ich sass in meinem zimmer, lernte, schrieb wochenberichte oder schmoeckerte in kochbuechern. ich kannte mich nicht aus in ihrer welt und sie konnten mit mir nichts anfangen.

nach ein paar monaten freundete ich mit einer praktikantin aus england an, wir kochten zusammen an meinen freien tagen, schliefen miteinander und waren bald unzurtrennlich. sie war drei jahre aelter als ich, eine art frueher punk mit schwarzgefaerbter strubbelfrisur und piercings an den unglaublichsten koerperstellen. und sie roch so gut. obwohl ich im leben niemals der grosse held war, klappte das mit den maedchen und dem sex seit meinem dreizehnten lebensjahr sehr zum leidwesen meiner mutter und dem totalen unverstaendniss meiner zwei schwestern ganz gut, die maedchen hatten es mir nie schwer gemacht. mit jungs tat ich mich nie sehr leicht, ich hatte in meiner schulzeit nur wenige gute freunde. mein zimmer befand sich im stockwerk ueber unserer wohnung und wenn ich darin nicht allein wahr, begann meine mutter hingebungsvoll staub zu saugen und die treppe zu wischen, immer als signal, ihr seit nicht allein. die folge war ein allzeit blitzsauberes treppenhaus und teppichboeden, die unter den buersten von vorwerks kobolt mehr vereschlissen als durch die sohlen unserer schuhe. ueber sex sprachen wir zuhause nie.

ich fuhr mit meiner englischen freundin nach hause, die resonnanz war beeindruckend, ich vor stolz und freude strahlend, bei meiner mutter blankes entsetzten und das nicht wegen ihrer mangelden sprachkenntnisse. sie scheuchte uns ins haus und lies uns bis zu unserer abreise nicht wieder hinaus, die nachbarn haetten uns ja sehen koennen. meine schwestern fanden meine freundin recht interressant, mein vater aeusserte sich nicht. bald darauf war ihr praktikum zu ende und sie zog weiter nach italien, einfach so, es war okay und tat nicht weh, ich hoerte nie mehr etwas von ihr. doch im betrieb war mein ansehen ungemein gestiegen, meine kollegen begannen mich auch ausserhalb der arbeitszeit wahrzunehmen und allmaehlich fuehlte ich mich immer wohler in meinem neuen leben. nachts standen unsere zimmertueren offen, es war ein kommen und gehen, die luft roch nach patchuli und raeucherstaebchen, cat stevens sang gegen boneyM und das stoennen von baccara an, unsere jeans waren zerschlissen, unsere pullis fuenf groessen zu weit, dafuer reichten sie beinahe bis zu den knien und mein heimweh hatte sich in luft aufgeloest. die ersten zwei jahre gingen vorbei, ich war gut in der schule, mein beruf machte mir spass, wir hatten alle kaum geld, es lief alles so ziemlich perfekt.

im dritten jahr wurde mein leben etwas komplitzierter. ich absollvierte ein dreimonatiges praktikum im restaurant als geschaeftsfuehrerassistent und wurde immer mehr zum stellvertreter im ewigen kleinkrieg zwischen kueche und service. das spiel geht ganz einfach, die eine seite schlaegt auf und versucht mit aller wucht dem gegner auf der anderen seite des feldes, das netz ist in diesem fall der bereich, wo das essen die kueche verlaesst, voll eine reinzuknallen.und der ball in dem spiel war ich. daneben war ich halbe naechte mit dem partyservice in der stuttgarter schickeria unterwegs und hatte eine affaere mit der frau meines stellvertretenden kuechenchefs. es war keine liebe, nicht einmal ein verliebt sein, ich fand es ehrlich gesagt einfach spannent. ich stolperte in die sache hinein und flog mit einem tritt in den arsch wieder hinaus. eines tages kam mein kuechenchef zu mir in den kuehlraum, schloss die tuer hinter sich und erklaerte mir, dass es ihm leid taete, wenn er seinen besten lehrling verlieren wuerde, aber wenn ich die sache nicht sofort beenden wuerde, dann muesste ich meine sachen packen und gehen und das ganz schnell.und ich koennte dann froh sein, dass ich noch auf meinen eigenen beinen das haus verlassen kann. ich versprach es ihm und er erlaubte mir, das praktikum um drei wochen zu verkuertzen und wieder in der kueche zu arbeiten. sein stellvertreter samt ehefrau verliesen kurz darauf auch das hotel und die sache wurde nie mehr erwaehnt. nur einmal sagte mein chef am herd so ganz nebenbei, dass er sehr gluecklich verheiratet sei und aus diesem grunde mich nie zu sich nach hause einladen wuerde.

in dieser zeit kam evi zu uns ins hotel. sie hatte eine hotelfachschule besucht und ein halbes jahr in der schweitz gearbeitet, nun wollte sie das letzte halbe jahr bei uns fertig machen. ich hatte sie am anfang gar nicht richtig wahrgenommen, war viel zu sehr mit meinem "praktikum" beschaeftigt, doch irgennt wann war sie da,lachte mich an und wollte etwas wissen. evi lachte viel und gern, sie strahlte alles und jeden an, morgens um sechs, wenn ich mich zum personaleingang rein schlich und sie fruehstuecksdienst hatte und spaeht nachts wenn ich aus der kueche in mein zimmer schlurfte. und sie konnte einem  loecher in den bauch fragen, sie wollte alles ganz genau  wissen und das meistens von mir. es war wie die geschichte vom hasen und igel, verliess ich sie an punkt a und ging nach punkt b, war sie schon da und hatte eine frage. sie war klein und zierlich, hatte halblange, rotblonde haare und war immer in bewegung. ich gewoehnte mich an sie und wenn sie nicht da war, fing ich an sie zu vermissen.

ich machte meine gesellenpruefung als innungsbester und wir machten plaene fuer die zukunft. evis eltern fuehrten einen gasthof in der naehe von esslingen und irgennt wann wollte sie nach hause in den eigenen betrieb zuruck. doch zuerst wollten wir ab in die schweiz an den genfer see. ueber kontakte unseres kuechenchefs hatte ich schon die fuehler ausgestreckt und unsere bewerbungen abgeschickt. auch von unserem lehrherrn bekamen wir ein empfehlungsschreiben, in unseren traeumen hatten wir schon unsere koffer gepackt und waren abgereist.

ich stand am pass im groessten stress und schaute evi entsetzt an. es war ende november und mein letztes weihnachten im hotel stand bevor. vor mir lagen drei teller mit gebratener entenbrust auf dem boden. das essen war verloren, da gab es nichts mehr zu retten. evi sagte, sie haette kein gefuehl im linken arm und in der hand, sie koenne nichts dafuer, es sei ganz ploetzlich gekommen. sie ging auf ihr zimmer, es machte keinen sinn, sie konnte nichts mehr halten, ihr arm und ihre schulter waren taub. am anderen morgen war das gefuehl in ihrem arm zeitweise wieder da, aber nun hatte sie schmerzen in der schulter. sie fuhr nach hause und wollte von dort aus zu ihrem arzt. der ueberwies sie nach stuttgart in die klinik, dort blieb sie jedoch nur ein paar tage lang, dann kam sie zum sterben wieder nach hause. evi hatte einen tumor in der brust, der drueckte mit zunehmender groesse auf das herz und das nervensystehm. ich besuchte sie nur einmal, sie wollte nicht, dass ich wieder komme. sie hatte sich kaum veraendert, war nur etwas schmaler geworden und ihr lachen war verschwunden. und dieses immer in bewegung sein, es war einer art traegheit, langsamkeit gewichen. sie sagte, es taete ihr leid um die zeit, die sie mit mir, mit uns vergeudet haette und sie wolle mich nicht wieder sehen. evi starb vier tage vor weihnachten und wurde am heiligen abend beerdigt. evis mutter nahm mich beiseite und sagte,ich soll mir das alles nicht zu sehr zu herzen nehmen, evi haette das nicht so gemeint, sie haette mich sehr gern gehabt. ich weis, sagte ich, es ist schon ok. ich fuhr nach der beerdigung mit meinem kuechenchef nach hause, er fuhr seine mutter aus der naehe von ulm abholen und da lag meine heimatstadt auf seinem weg. ich fragte ihn, wie man sein leben bewusst und ohne es spaeter zu bereuen lebt. er konnte meine frage nicht wirklich beantworten. er sagte etwas von ehrlichkeit und von verantwortung, nichts was mir richtig weiter half.

meine mutter reagierte sehr bestuertzt auf evis tot. sie war immer ein nach aussen sehr introvertierter mensch, der selten seine gefuehle und gedanken mit seiner umwelt teilte, auch mit uns kindern nicht. koerperliche naehe und zaertlichkeiten fielen ihr irgennt wie schwer, sie hielt immer eine gewisse disstanz zwischen sich und dem leben. doch die ereignisse damals brachten sie total aus der fassung, sie war den ganzen heiligen abend sehr verstoert. ich stand bei ihr in der kueche und fragte sie, ob sie lust haette, mit mir in den weihnachtsgottesdienst zu gehen, sie schuettelte nur mit dem kopf. ich fragte sie auch danach, wie das denn sei mit dem bewussten leben, sie sah mich nur an. reicht es , keinen zu erschlagen und nicht im gefaengnis zu landen oder unter einer bruecke zu enden? sie schluchtzte und sagte nur ach phoenix, lass es gut sein.

ich ging allein in die messe und mein vater  fuhr mich am anderen tag frueh am morgen wieder nach stuttgart zurueck. nimms nicht so schwer, sagte er, nein, tu ich nicht, erwiederte ich. kurz nach drei koenig rief meine mutter an und teilte mir mit, dass post fuer mich gekommen war. einmal die aufenthalts und arbeitserlaubniss fuer evi und mich vom hotel palace in montreux  und die einberufung fuer den kommenden april zur bundeswehr!

guenter, mein ehemaliger sous-chef, meldete sich bei mir. er arbeitete in esslingen auf der burg und erklaerte, sie braeuchten dringent einen koch, ob ich interresse haette. ich sagte ja, wenn sie mich hier so auf die schnelle weglassen. ich ging zu meinem chef nach hause und fragte ihn. er sagte geh, es ist vielleicht besser so fuer dich. du kannst ja nach der bundeswehr noch einmal zurueck kommen, wenn es passt. wir sassen lange zusammen und redeten ueber das kochen und die gastronomie, ueber die schwierigkeiten, den job und das privatleben unter einen hut zu bekommen und ich merkte schon, dass es ihm schwer fiel zu akzeptieren, das ich gehen wuerde, aber er sagte nichts dazu. sonntags abends kochten wir am ende meiner lehrzeit oefters um die wette. sonntags waren nur sehr wenige in der kueche, die meisten azubis im ersten und zweiten jahr hatten frei und nach einundzwanzig uhr war der service meist so gut wie gelaufen. wir kochten mann gegen mann, er auf dem saucier ich auf dem entremetier. ich rief die tische ab und knallte die beilagen vor an den pass. die kalte kueche und die patisserie zogen die koepfe ein und hielten sich in deckung. einmal hatte ich ihn so weit an die wand gekocht, dass er ein wiener und ein rahmschnitzel in die fritteuse warf. halt rief ich, stopp ich hab gewonnen. er rannte an mir vorbei, zeigte auf eine kupferpfanne und rief, da fehlen die kraeuter. ich griff ohne zu schauen hinter mich und warf gehackte kraeuter in die pfanne mit frischen fruechten zum flambieren. er lachte sich halbtot, ich war raus aus dem spiel, das essen war geliefert, ich musste es noch einmal machen. ich nahm die pfanne voller wut und warf sie auf seine seite ueber den herd. wir sprachen mehrere tage nicht miteinander, ich war so sauer und jedesmal wenn er mich wieder an einem sonntag abend stupfte und fragte, hast du lust, sagte ich nur nein danke. an dem abend, ich stand schon unter der tuer, sagte seine frau zu mir, phoenix, an dem sonntag abend, da hast du gewonnen, knut wollte es dir schon die ganze zeit sagen, aber es kam immer etwas dazwischen. wir lachten und meine lehrzeit wahr vorbei.

ich ging nach esslingen und danach als soldat nach ulm, machte meine grundausbildung, den lkw -fuehrerschein und wurde dann ins offizierscasino versetzt. ich war dadurch vom kompaniedienst befreit und ging arbeiten wie im zivilen leben, laestig waren nur das so sinnlose geroedel bei natoalarm und das kriegsspielen im manoever. nachts war ich unterwegs, die maedchen kamen und gingen, das karussel drehte sich immer schneller, am morgen fuehlte ich mich oft elend und leer. in mir machte sich eine sehnsucht breit, die ich nicht benennen und nicht erklaeren konnte. die knef sang einmal "wenn das alles ist, wenn das wirklich alles ist, dann lass uns leben" und ich dachte, wenn das alles ist, wenn das die liebe ist, dann schaff ich das nicht, dann ist mir die liebe zu fad.

ich lag mit jutta im schwimmbad und wir doesten in der sonne. wir waren seit gut drei jahren zusammen, hatten uns auf der hochzeit einer gemeinsamen bekannten waerend meiner zeit beim bund kennengelernt. und sie liebte mich. unsere vaeter waren zusammen in die schule gegangen und hatten danach den gleichen beruf erlernt, man kannte sich und alles passte wunderbar zusammen. das einzige was nicht ganz so harmonierte war mein beruf. jutta hatte gerade ihre ausbildung als steuergehilfin beendet und sollte eigentlich im autohaus ihres vaters arbeiten und ich hatte seit einem knappen jahr ein restaurant zwischen freiburg und basel eroeffnet und wollte auf keinen fall von dort wieder zurueck in die naehe unserer heimatstadt. und wir wollten heiraten.

das mit dem restaurant war so nie geplant, ich war beim zweiten anlauf, in der schweiz zu arbeiten, im markgraeflerland fuer ein paar monate haengen geblieben und als man mich fragte, ob ich es machen wollte, hab ich spontan ja gesagt. es war aber nie fuer ein leben geplant, ich wollte mich eigentlich nur ausprobieren, ob ich es konnte und das finanzielle risiko hielt sich auch in grenzen. mein vater meinte, das schaffst du nicht, du bist zu jung und wirst als schwabe dort unten kein bein auf den boden kriegen. fuer mich zwei gute argumente, es trotzdem zu versuchen. die idee mit dem heiraten hatte jutta und ich hatte ja gesagt, ohne grosse begeisterung, aber auch ohne grosse zweifel, dass es nicht klappen koennte. ich koennte jetzt sagen, ich hatte eh nichts besseres vor, aber ganz so einseitig war es dann doch auch wieder nicht. wir verstanden uns gut, waren gerne zusammen, fuehrten eine sehr harmonische fernbeziehung und ich versuchte ihr nicht weh zu tun und ihr so gut es ging treu zu sein. und das klappte auch im grossen und ganzen. an diese sehnsucht in mir, die ich nicht greifen konnte, die kein gesicht besas und keinen namen, hatte ich mich gewoehnt. sie schlief irgenntwo zwischen magen und lunge, ein flaues gefuehl, wenn sie einmal kurz erwachte, die mir die brust eng machte und wieder entschlummerte, bis ich sie fast vergessen hatte, um dann aufs neue zu erwachen. gefuehle koennen hinterhaeltig sein! die probleme begannen, wenn wir laengere zeit zusammen waren, zum beispiel im gemeinsamen urlaub. jutta freute sich auf diese zeit mit mir, wollte mit mir vierundzwanzig stunden zusammen, mir nahe sein und sie nahm mir die luft zum atmen. ich zog mich zurueck, sie war entaeuscht, kam mir noch mehr entgegen, ich verkrampfte total. nachts sass ich oft in einer beliebigen hotelbar, trank und hoffte, dass sie schlief, wenn ich ins zimmer kam. ich verstand es nicht, verstand mich nicht, es tat mir leid und doch konnte ich nichts dagegen tun.

wir lagen in der sonne und ich beobachtete mit halbgeschlossenen augen drei junge maenner, das heisst eigentlich nur einen davon. er hatte dunkelbraune, halblange haare, ein schmales, gutes gesicht und einen schlanken, athletischen koerper. seine brust und oberschenkel waren leicht behaart und von seinem bauchnabel lief eine feine dunkle linie haare bis an den rand seiner badehose. er war schoen und die sehnsucht erwachte in mir wie ich sie so noch nie gespuehrt hatte, ich fuehlte meinen herzschlag, im hals hatte ich einen kloss, ich war wie elektrisiert und glaubte gleich zu zerspringen. begierde tut manchmal weh! >kennst du den typ?< jutta schaute mich fragend an. >welchen typ?< ich schloss die augen und stellte mir vor, wie es waere, ihn zu beruehren, >den kerl, den du die ganze zeit anstarrst< >ich weiss nicht, was du meinst< ihn in den armen zu halten, ihn zu schmecken, seinen koerper zu spuehren. >sie reden schon ueber uns, jetzt tu bitte nicht so, du bist peinlich< >ich kenne diese leute nicht, komm lass uns gehen.< wir packten zusammen und gingen, ich legte meinen arm um ihre schultern und hielt sie dicht an mich gedrueckt. aber die sehnsucht hatte ein gesicht bekommen, mein verlangen ein ziel und ich war zutiefst erschrocken ueber mich. gefuehle koennen erbarmungslos sein! 

 

  

 

12.8.07 22:00


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schwule lebenslieben/luegen

1984 -1987.

-thomas stand eines sonntags nachmittags vor meiner wohnungstuer. er gehoerte zu unserer clique, wusste, dass ich frei hatte. wir gingen zusammen am altrhein spazieren, thomas kam sehr unregelmaessig zu unserem stammtisch, ich kannte ihn nicht sehr gut, ich wollte nicht mit ihm in meiner wohnung allein sein. er lebte mit einem freund zusammen, ihr verhaeltnis zueinander konnte ich nie genau deffinieren. er machte mir einen "antrag", ich lehnte ab. er wollte mit mir darueber diskuttieren, ich sagte thomas, es gibt dinge, die kann man nicht herbeireden. er schmeichelte mir, er klagte, ich sagte nein, es geht nicht, ich liebe dich nicht, das geht gar nicht. du bedeutest mir ueberhaupt nichts. ich hab das lange genug gemacht, sex ohne liebe, ich kann das nicht mehr, ich will das auch nicht mehr und ausserdem gibt es schon einen anderen. er fuhr zurueck in die schweiz, sauer und entaeuscht.

ein traum ist nicht genug, man muss auch dafuer leben, man muss auch bruecken baun und den gefuehlen traun, wenn worte fehlen.....

-das zimmer von frau dr. frank war kuehl, sachlich, korrekt. ich fuehlte mich heiss, zornig und gedemuedigt. wir sassen nebeneinander vor ihrem schreibtisch, zwei junge maenner, die bei etwas ertappt wurden, was man(n) nicht machte und die es auch in zukunft nicht lassen wollten. frau frank fand das nicht sehr schoen und sie lies es uns merken. sie erzaehlte uns beinahe zwanzig minuten ueber die gefahren der gleichgeschlechtlichen liebe und hatte doch nur wenig zu sagen. den einfachen satz "jungs, benutzt kondome und seit euch treu, denn mehr wissen wir zur zeit auch nicht" den sagte sie nicht, dann waere sie ehrlich gewesen und in dreissig sekunden fertig, aber so einfach wollte sie uns dann doch nicht davon kommen lassen.

ich hatte stunden vor dem fernseher verbracht, herrn gauweiler und frau suessmuth gelauscht, mit ihnen die frage durchlitten, ob man diese von der pest befallenen schwulen, die nach praesident reagans worten eine strafe gottes sei, nur an den pranger stellen sollte, um ihre umwelt vor diesem fehlgeleiteten gesocks zu warnen und zu schuetzen, oder ob es nicht fuer die volksgesundheit besser waere, die herren gleich zu internieren. da rita mit ihren fundierten zahlen und erkenntnissen von einem moeglichen zeitraum von dreissig jahren zwischen infektion und ausbruch der seuche ausging, fand sie diesen schritt dann doch etwas derb und dem staunenden wahlvolk schwer vermittelbar. man sieht, wir diskutierten unsere ahnungslosigkeit mit viel herz auf hohem niveau und stellten ritas gerahmtes bild mit autogramm und rosa buschroeschen geschmueckt nebst radiowecker und billyboy extra reissfest auf unseren nachtisch neben unser lotterbett.

so sasen wir also bei frau frank, angetan mit unserem reinen bueserhemd und streuten asche auf unser schamvoll gebeugtes haupt. >wenn das alles ist, was sie uns zu der sache sagen koennen, dann wuerde ich gern wieder gehen.< ich war aufgestanden und hielt ihr meine hand hin. auch sie erhob sich und meinte, es taete ihr leid, aber beim derzeitigen stand der dinge koenne sie uns nicht mehr sagen, nur raten, sehr vorsichtig zu sein. >aber eine beziehung zu fuehren mit dreissig zentimetern sicherheitsabstand bei tag und nacht, das klingt nicht sehr realistisch, glauben sie das nicht auch? und dass jeder von uns seinen eigenen rassierer und seine eigene zahnbuerste benutzen soll, glauben sie, dass ist jetzt etwas neues fuer uns? und fuer diese ergreifenden erkenntnisse bestellen sie uns zu sich? wen oder was haben sie eigentlich erwartet? sie haben ja wohl nerven!< markus war schon an der tuer und wartete mit hochrotem kopf. wir gingen, meine ausgestreckte hand hatte frau frank ignoriert.

ein traum ist nicht genug, man muss auch etwas geben, man muss auch mal verzeihn und zwischen ja und nein, die liebe waehlen....

wir fuhren auf der autobahn zurueck nach hause und standen vor dem grenzuebergang weil a. rh. im stau. markus schaute mich an. >an was denkst du?<  >dass ich zu spaeht zur arbeit komme?<  >du magst sie nicht besonders?<  >wen?<  >die frank. sie kann ja auch nichts dafuer, dass....<  >italo, niemand sagt, dass sie etwas dafuer kann, aber es ist doch keine schande zu sagen, wir wissen nichts. und das kann sie sogar telefonisch machen, dann haetten wir nicht extra den nachmittag dranhaengen muessen und das fuer nichts und wieder nichts!<  >du sagst doch immer, du bist gern mit mir zusammen und jetzt sind wir einen nachmittag zusammen...<  >mit dir, nicht mit frau frank!< wir schwiegen. >phoeniiix?< jetzt wurde es ernst, mehr als drei iii bedeutete gefahr oder es wurde teuer. >was?<  >bist du eigentlich mehr bi,- oder homosexuell?<  >wer will das wissen?<  >ich! anna sagt...<  >anna redet da auch mit?<  >ja, nein, sie sagt halt, da waeren immer jede menge frauen gewesen und sie verstuende es auch nicht ganz, dass... und mit ihr hast du ja auch...<  >nein, hab ich nicht, ich schlafe nicht mit meinen verheirateten mitarbeitern mit denen ich befreundet bin<  >und dass da immer welche an der theke rumsasen und warteten bis du feierabend hattest!<  >ich geh hinten raus, wenn ich fertig bin, das weisst du! markus, was willst du wissen?<  >ja bist du jetzt mehr bi,- oder homosexuell? also bei mir war das klar, seit ich...< >ich glaub, ich bin schon schwul, ich habs hetero versucht, aber das ging ziemlich daneben. irgennt wie war das mit den maedchen nicht der grosse hit. doch ja, ich denke schon, dass ich schwul bin.<  >und dein coming out?<  >was soll damit sein?<  >dann hast du freitags mit den frauen aufgehoert und montags mit jungs angefangen?<  >mittwochs!<  >was mittwochs?<  >ich hab an einem mittwoch angefangen. dazwischen hab ich mir aber schon ein paar gedanken gemacht und mit etwas phantasie und guten willen war es jetzt auch nicht soo schwierig. du hast es nicht erfunden.<  >du hast schnell gelernt!<  >ein naturtalent? vieleicht, eventuell...?<  markus lies es sich durch den kopf gehen. >und jetzt passiert sowas!<  >was passiert jetzt?<  >na mit meiner krankheit, keiner weiss wirklich bescheid und jetzt du...!?<

oft dreht man sich um und geht, weil man nicht fand, was man ertraeumt hat, und bemerkt erst viel zu spaet, dass man den besten teil versaeumt hat... 

italo schaute mich ungluecklich an, wir naeherten uns langsam dem wahren grund dieser unterhaltung. >schau markus, es ist doch so. seit ich dich das erste mal gesehen habe, wollte ich mit dir zusammen sein. und jetzt sind wir zusammen und es geht verdammt gut! es geht doch gut mit uns?<  >ja schon aber...<  >eben! wenn du dir etwas ganz arg wuenscht und der wunsch geht endlich in erfuellung, dann schmeisst du doch nicht alles hin, nur weil er vielleicht einen kleinen transportschaden, eine kleine macke hat. dann sagst du doch nicht nö, das habe ich mir dann doch anders vorgestellt, so will ich das nun auch nicht. es duerfte schwierig sein, einen erwachsenen menschen zu finden, der bis zu dem tag unbeschadet und ohne kratzer durchs leben ging.< es war jetzt sehr still im wagen. >einen kleinen transportschaden, eine macke! phoenix du kannst manchmal echt uebersensibel sein!<  >wir muessen eben etwas aufpassen, halt immer einen gummi benutzen, so schwierig kann das doch nicht sein. und in ein paar monaten sieht alles vielleicht schon ganz anders aus, wir muessen halt abwarten. und wenn wir schon dabei sind, wie kommen eigentlich die ganzen kondome ins handschuhfach?<  >du hast sie gefunden?<  >natuerlich hab ich sie gefunden, das ist ja nicht allzu schwierig. und wenn sie am zoll mal sagen, "oeffnen sie bitte das fach da" dann sag ich äh, ich schmuggle pariser von der schweiz nach deutschland, in der micros haben sie aktion?<  >die bekommt man jetzt ueberall in der stadt<  >haendevoll? im globus und beim dehner?<  >nein, aber im "dupf" und im "elle" verteilen sie die jetzt und ich bekomm immer ein paar mehr.<  >du gehst ohne mich ins "elle"?<  >zum apero nach feierabend, wenn du arbeitest. walti ist auch oft da<  >ganz schlechte entschuldigung<  >wieso er ist dein bester kumpel<  >eben, ich kenn ihn. und dann packst du die dinger bei mir ins auto, bevor du in die kueche reinkommst?<  >damit du nicht gleich merkst, dass ich nicht von zu hause komm<  >logisch, das macht sinn.< wir waren auf dem parkplatz hinter meinem geschaeft. ich blieb noch einen augenblick mit geschlossenen augen im wagen sitzen. meine nachmittagspause fehlte mir. >was ueberlegst du?<  >wie lange es wohl dauert, bis wir die ganzen gummis abgearbeitet haben, die du nachher mit remy nach hause mitnimmst<  >wenn es mit uns so bleibt, wie es jetzt ist, dann geht das ratz-fatz< ich stoehnte. >koennten wir nicht noch eine halbe stunde zusammen nach hause gehen<  >nein, ich muss mich jetzt noch ein paar stunden um die einsamen damen an meiner theke kuemmern und ein wenig geld verdienen. wir reden heute nacht nochmal darueber!<  >dann schlaf ich schon!<  >eben. gut so. und jetzt komm, anna wartet sicher schon sehnsuechtig auf dich.<

ein traum ist nicht genug, man muss auch dafuer leben, und zwischen kopf und herz, und zwischen stolz und schmerz, die liebe waehlen.        

 

-wir waren verliebt. mein leben hatte sich total veraendert. ich pendelte zwischen basel und neuenburg, mein heimweg wurde die autobahn. an drei werktagen schlief ich bei ihm in basel, am wochenende war er bei mir. markus zuendete mir nachts den himmel an, wir gingen mit nackten sohlen durchs feuer, tanzten barfuss im regen. er war alles, was ich mir vom leben erwuenscht hatte.

das virus war kein thema mehr. italo sprach nicht darueber. wir hielten uns an die vorgaben, sie wurden alltag, zur gewohnheit fuer uns .er ging zu seinen kontrolluntersuchungen, aber sie waren kein stoff fuer gespraeche zwischen uns.die krankheit tangierte unsere beziehung nicht.

-markus erzaehlte von seiner liebe zu thomas, von dem ewigen hin und her bis er ihn rausgeworfen hatte, als er von seinen streifzuegen durch die saunas und parks in zuerich und basel erfuhr, zeigte mir die karte, die thomas ihm schickte, auf der stand "ich tanz auf deinem grab."

thomas rief an, er hatte von uns erfahren. er tobte, beschimpfte mich, beleidigte markus, lies kein gutes haar an ihm. ich hoerte schweigend zu. du haettest noch mehr in zuerich herumficken muessen, vielleicht waere er dann bei dir geblieben, sagte ich. du hast einen fehler gemacht. du bekommst mich am schnellsten in den rhein, wenn du mir sagst, spring nicht von der bruecke, ich verbiete es dir. italo weiss es, er weiss was mit dir los ist, und wenn ich dich noch einmal antreffe, wenn wir in basel unterweges sind, dann blamiere ich dich so, dass du dich in der ganzen stadt nicht mehr sehen lassen kannst. ich legte auf. wir liefen uns die ganzen jahre nicht mehr ueber den weg. er schrieb mir noch einen brief, darin wiederholte er den ganzen scheiss, den er mir schon am telefon gesagt hatte. ich las ihn, zerriss ihn und warf ihn in den muell. zu italo verlor ich kein wort darueber.

-italo war sehr schnell in neuenburg zu hause. er hatte einen charme, eine art auf die menschen zu zugehen, sie konnten sich ihm nicht entziehen. er wickelte alle um den kleinen finger. er machte durch sein wesen die akzeptanz unserer beziehung den leuten leicht. ich trat in den hintergrund, einen schritt zurueck, schaute lachend zu. er kam ins restaurant, redete mit den gaesten als waere er schon immer da gewesen, die leute mochten ihn. es gab anfangs sicher gerede im ort, aber das legte sich sehr schnell. so interresant war das privatleben zweier junger kerle auch wieder nicht. ein paar thekengaeste blieben weg, micha beklagte sich bei mir darueber. ich zuckte mit den schultern, wie sollte ich es aendern. nach ein paar wochen kamen die meisten wieder zurueck, waren einfach ohne grosse erklaerung wieder da. wahrscheinlich hatten sie gemerkt, dass es nicht auf sie abfaerbte und ihrem " guten ruf " keinen abruch tat, wenn sie bei einem schwulen ihr bier tranken. ich sprach sie nie darauf an, dieses thema war fuer mich bei der arbeit tabu, und der groesste teil meiner gaeste hielt sich auch daran.

 

-ich wurde als hauptgefreiter bei der bundeswehr entlassen und das war auch gut so. meine soldatischen qualitaeten wahren, ohne mich loben zu wollen, grottenschlecht, das mit dem gehorsam immer etwas schwierig und ich konnte die hohen dienstgrade nie auseinander halten. als koch im offizierscasino kommt das einfach bloed. ich starrte immer auf die sterne und kraenze auf den schultern der herren und ueberlegte, wie sie wohl angesprochen werden wollten, und bis ich dann den arm zackig zum gruss erhob, waren sie schon lange an mir vorbei. aber wenn mir doch einmal ein gruss mit stotterfreier meldung gelang, waren mir der beifall und die hochrufe meiner mitkaempfer sicher. die meisten offiziere aber haben familien und diese immer einen grund zu feiern, als da waeren konfirmationen, erstkomunionen, taufen, geburtstage und vieles andere. und da die anderen offiziersfreunde nicht immer sehen sollten, wie ausgelassen, lustig und stilvoll der herr hauptfeldwebel mit seiner sippe zu feiern verstand, fanden viele dieser anlaesse nicht im casino, sondern im privaten rahmen bei ihnen zu hause statt. und ich kochte fuer sie. ich sah den herrn komandeur mit heruntergelassener hose, den nackten hintern schwenkend auf einem stuhl stehend ein froeliches lied singen, die frau oberfeldwebel sich die bluse vom leib reissen und ihrem angetrauten lieblingsnahkaempfer sturzbetrunken eine szene machen und ich kochte fuer sie und hielt den mund. fuer soviel loyalitaet wird man dann soweit befoerdert, wie es als wehrpflichtiger moeglich war. ich machte den pkw und lkwfuehrerschein, was schon damals offiziel nicht mehr moeglich war und durfte mich aus den wichtigsten militaerischen dingen wie morgenapell und kompaniedienst heraushalten.

drei monate nach meiner entlassung bekam ich mit der post eine einladung zu einem dreiwoechigen aufenthalt nach bayern und dachte nett, sie haben dich noch nicht vergessen. im folgenden jahr kochte ich bei stroemenden regen in den weitlaeufigen waeldern bei idar-oberstein und fand das alles nicht mehr ganz so gut. nach laengerem schweigen dann, ich dachte schon, jetzt haetten sie mich entgueltig vergessen, kam der bescheid zu einer wehruebung nach muenster in westfalen und ich sagte mir, jetzt ist es aber wirklich gut, man muss auch mal aufhoeren koennen. ich fuhr nach tuebingen zum kreiswehrersatzamt und erklaerte dort einem unfreundlichen herrn, ich kann nicht mehr, schon wegen meinem geschaeft geht es gar nicht mehr. er hoerte mich an und versprach mir in kuerze eine entscheidung ihrerseits. die ablehnung meines wunsches kam sechs tage spaeter. ich legte wiederspruch ein und fuhr wieder nach tuebingen. auf der fahrt dahin fiel mein blick auf meine linke hand und ich bemerkte, dass ich meinen ring vergessen hatte abzuziehen. ich streifte ihn vom finger und steckte ihn in die tasche meiner jeans. nach der unterredung mit einem anderen herrn im amt fuhr ich nach hause und aß mit meiner mutter zusammen zu mittag, legte mich eine stunde im wohnzimmer auf die couch und machte mich dann wieder auf den weg nach neuenburg. damit war die sache erstmal fuer mich erledigt.

es war sonntag morgen und ich sass mit markus zusammen beim fruehstueck. italo schrieb in akten von der bank und ich las die zeitung. draussen schien die sonne und wir wollten am nachmittag mit remy nach reinach zu mami in den garten. ploetzlich erschien markus gesicht ueber helmut kohls konterfei. >phoenix, warum traegst du unseren ring nicht mehr?< ich war irritiert. >der ist in der jeans, die ich letzte woche anhatte, als ich zu hause wahr<  >das war letzte woche!<  >ich hab ihn vergessen, hab es nicht bemerkt< ich ging ins schlafzimmer und zog die hose aus dem schrank, griff in die tasche, da war kein ring. >du hast ueber eine woche nicht bemerkt, dass du den ring nicht anhast? das laesst ja tief blicken!< ich durchsuchte alle taschen, nichts. >er ist weg!<  >wer ist weg?<  >der ring, er ist nicht da<  >komm hoer auf phoenix, das ist jetzt nicht lustig<  >er ist nicht da, ich muss ihn verloren haben.< ich rief meine putzfrau an und fragte sie, aber sie hatte nichts gefunden. ich suchte im auto, aber ausser ein paar muenzen, kondomen und feuerzeugen nichts, kein ring. >und jetzt?< fragte markus. >wir muessen einen neuen kaufen, es wird uns nichts anderes uebrig bleiben<  >das ist dann nicht mehr dasselbe.< markus war enttaeuscht.  >dann lass es mich wissen, wenn du eine bessere idee hast, ich kann es jetzt auch nicht aendern, es ist nun mal so.< so war es und der sonntag war gelaufen!

eine woche spaeter kamen meine eltern zu besuch. sie waren mit ein paar basen und vettern auf dem weg zu einer wandertour ins elsass und machten einen zwischenstop in neuenburg. die ganze sippe sass mit italo auf dem balkon bei wein, kaffee und kuchen, als meine mutter zu mir in die kueche kam, mir wortlos etwas in die hand drueckte und wieder nach draussen zu den anderen ging. ich oeffnete meine hand und schaute auf meinen ring. als alle wieder weg waren, fragte ich markus, ob meine mutter sich ihm gegenueber anders verhalten hatte  als bei anderen gelegenheiten, wenn sie sich getroffen hatten. er sagte nein, sie war freundlich wie immer, warum fragst du. weil sie es weiß, erwiederte ich. was weiß sie? fragte markus. ich hielt ihm den ring vor sein gesicht. sie hat ihn mir heute zurueck gegeben, ich muss ihn verloren haben, als ich zu hause war. sie hat mir den ring zurueck gegeben in dem dein name eingraviert ist.

ich rief einige tage spaeter bei meine mutter zu hause an und erzaehlte ihr, dass ich ein haus kaufen wollte und meinen hauptwohnsitz nach neuenburg verlegen muesste. und dass dann das kreiswehrersatzamt freiburg fuer mich zustaendig waere. sie war wie immer am telefon. die sache mit dem ring erwaehnte sie mit keinem wort.

der zwei herren im kreiswehrersatzamt in freiburg waren sehr nett und hilfsbereit. ich erzaehlte ihnen meine geschichte mit dem restaurant, welches ich dann in dieser zeit schliesen muesste, dass ich ein haus gekauft haette und um ganz sicher zu gehen, dass ich mit einem mann zusammen lebe, der hiv-positiv und schweizer staatsbuerger ist. ich fuehlte mich nicht wohl bei dem, was ich da tat, es war das erste und letzte mal, dass ich markus krankheit fuer meine belange benutzte, aber in diesem fall, dachte ich, heiligt der zweck die mittel. sie wollten noch wissen, was sie sich unter zusammenleben vorstellen muessten und ich erklaerte ihnen auch das in groben zuegen. nach einer zehn minuetigen beratungspause teilte man mir mit, dass ich meine bei mir verbliebenen sachen zu einem noch zu bestimmenden zeitpunkt abgeben koennte und dass das kapitel bundeswehr fuer mich abgeschlossen waere und sie mir fuer die zukunft alles gute wuenschten. ich bedankte mich und dachte, na also, es geht doch!  

 

 

 

24.8.07 21:15


schwule lebenslieben/lügen

april 84

wir kannten uns zwei wochen als markus seine grossmutter fuer drei wochen nach kanada bekleidete. sein onkel, ihr sohn, lebte dort. er arbeitete bei der gleichen bank wie er. markus fragte mich, ob ich ihn nach zuerich zum flughafen fahren wuerde.

ich holte beide am fruehen morgen in reinach ab. seine ganze familie war da, um die beiden zu verabschieden. sie schauten mich etwas neugierig an, waren aber sehr freundlich zu mir. seine mutter gab mir die hand, schaute mir lange in die augen und sagte, ich soll beim fahren bitte aufpassen. versprochen sagte ich, dafuer ist mir meine fracht viel zu wichtig. sie lachte, ich mochte sie.

wir fuhren auf der autobahn nach zuerich. markus grossmutter sass neben mir und lies sich seit fahrtbeginn darueber aus, wie viele deutsche autos auf ihren noblen schweizer strassen unterwegs sind. nach einer halben stunde fuhr ich auf den naechsten parkplatz. frau barth wir haben ein problem, sagte ich. wieso, ist was mit dem auto nicht in ordnung? fragte sie. nein sagte ich, aber wir haben auch ein deutsches nummernschild. sie ueberlegte. das macht nichts, kicherte sie. meine erste grosse liebe kam auch aus dem grossen kanton. schoen sagte ich, dann haetten wir dieses thema ja geklaert. ich sah in den rueckspiegel, markus verriss es fast vor unterdruecktem lachen.

ich glaube, diese drei wochen als er in kanada war, waren die laengsten meines lebens. meine kollegen zogen mich auf, ich war ungluecklich, unsicher wie es sein wuerde, wenn er zurueckkam. dann kam ein brief und dann kam taeglich eine karte. seine mutter rief mich an, sagte mir, sie soll sagen, dass es ihm gut geht und er mich vermisst. sie fragte mich, wie geht das weiter mit euch? ich weiss nicht, aber ich lieb ihn wie verrueckt, sagte ich zu ihr. ich verspreche dir, ich werde deinem sohn niemals wehtun. wir verabredeten, sie gemeinsam vom flughafen abzuhohlen.

er kam zurueck und sagte mir, ich moechte mit dir zusammen bleiben. ich glaube, das laesst sich machen, sagte ich. bei guter fuehrung wird der vertrag halbjaehrlich verlaengert

zwei wochen spaeter legte er mir einen artikel der basler zeitung hin. darin stand, dass man sich bei einer frau dr.frank im kantonspital anonym und kostenlos auf aids testen lassen kann. den begriff hiv gab es noch nicht. ich sah den sinn nicht und dachte daran, mittags in meiner arbeitspause nach basel zu fahren, geht mir wirklich am ársch vorbei. ich penntelte sowieso schon zwischen neuenburg und basel jede nacht und jeden morgen hin und her. er hatte sich testen lassen, hatte eine nummer bekommen und musste nun zehn tage warten, bis das ergebniss kommt. er meinte, fuer eine beziehung waere das eine gute basis, so eine art stunde null, auf die man dann aufbauen kann.

zwei tage spaeter fuhr ich nachmittags nach basel ins kantonsspital. ich lies mir blut abnehmen, bekam eine nummer, fuhr wieder zurueck, legte den zettel in ein kaestchen in meinem schreibtisch und habe die sache vergessen.

drei wochen spaeter.

ich war krank. die schmerzen kamen ueber nacht, icht konnte mir nicht mehr die haare kaemmen, jede koerperliche berruehrung tat mir weh! ich komme von der schwaebischen alb und ich hatte probleme mit dem milden und feuchten klima in suedbaden. ich hatte angina, immer wieder, manchmal war es so schlimm, ich dachte, die zaehne faulen mir aus dem mund. ich schluckte antiphotika wie andere leute tic tac perlen. ich hatte als schwabe in neuenburg ein restaurant eroeffnet und keiner hatte auch nur fuenf mark auf mich gewettet. ich konnte mir einfach nicht erlauben krank zu sein. markus rief irgennt wann denn notarzt und ich kam in die uniklinik nach freiburg. dort wurde eine toxoplasmose festgestellt, das heist wohl, irgennt welche innere organe arbeiteten nicht mehr richtig auf grund meines antiphotikamissbrauchs und mein koerper hatte sich selber vergiftet. es ging mir nicht gut, sogar meine eltern kamen angereist.

mama und papa sassen bei mir im zimmer als er anrief. er weinte. er sagte, sein test waere possitiv gewesen. ich fragte, was fuer ein test?warum weinst du? er sagte es mir, ich sah meine eltern an, sagte entschuldigung, ich bin nicht allein, kann ich spaeter zurueckrufen?meine mutter sah mich an, ich denke sie wusste wer dran war, ich spuerte es genau. ich hatte ein problem und ich musste was tun. ich quaelte mich aus dem bett, ging aus dem zimmer und suchte nach meiner aerztin. als ich sie fand erzaerhlte ich ihr was los war, ich sagte zu ihr, sie haben studiert, ueberlegen sie sich etwas und schaffen sie um himmelswillen meine eltern aus diesem zimmer. es war unglaublich, als haette ich den feueralarm ausgeloest. sie packten mich wieder ins bett und schmissen meine erzeuger raus. ich rief anna an, sagte ihr, sie soll zu mir nach hause, sofort, erklaerte ihr ,wo sie diesen dreckszettel mit dieser scheissnummer findet und dass sie uns die nummer mitteilen sollte, es sei wichtig. sie kapierte ueberhaupt nichts. musst du auch nicht, du musst dich jetzt nur bewegen und nichts fragen, rief ich ins telefon. es geht bei der ganzen sache nicht um mich, ich habe ein problem mit markus.

eine schwester kam und klebte einen roten punkt auf meinen namen neben meiner zimmertuer. ich fragte was das bedeutet. sie sagte, das ich unter irgennt eine seuchenschutzregelung falle.ich sagte ihr, wenn sie den punkt nicht sofort wieder wegnimmt brauche sie schutz, personenschutz. wie soll ich das meinen eltern erklaeren, seit ihr eigentlich noch ganz gebacken. der punkt kommt weg oder ich geh nach hause. ich fing an zu packen. ein pfleger kam und fing an auf mich einzureden. er war sehr nett zu mir, ich tobte rum. ich versuchte markus zu erreichen, es war belegt. ich hatte angst um ihn.

anna rief an, ich war total ausser mir, konnte mich nicht berruhigen. sie sagte mir die nummer, ich bat sie, bitte such mir den markus. er ist da, was ist denn los mit euch, fragte sie. lass ihn nicht allein, lass ihn um himmelswillen nicht allein, ich machte wie die maus am faden, ich hatte wirklich angst um ihn. die aerztin nahm die nummer und rief in basel im kantonsspital an. mein ergebniss war da, ich war negativ und hatte irgentwie ein schlechtes gewissen. die zeit der luegen begann.

april 85.

ich spuerte, dass er unsicher war, er vertraute mir nicht, unserer beziehung nicht. er hatte angst, dass ich gehe. an einem samstag morgen, wir waren in basel, sagte ich zu ihm, zieh dich an, wir muessen in die stadt. ich ging mit ihm zu einem juwelier am marktplatz. eine freundliche dame fragte mich, was ich wuensche. ich haette gern zwei trauringe, sagt man trauringe, fragte ich. sie schaute auf meine hand, sah mich an und fragte, ob ich das ringmas der dame dabei haette. klar sagte ich, wir haben beide unsere entsprechenden finger mitgebracht.sie schaute mir ins gesicht, in die augen, in denen stand, machs mir bitte nicht so schwer, dann schaute sie auf markus, laechelte und sagte, dann schauen wir doch mal.

er zieckte rum, der ganze laden hoerte uns zu. ich litt still vor mich hin, der chef persoenlich kam vorbei um uns zu beraten. markus wollte einen viereckicken, achteckigen, sonstwas eckigen ring. ich sagte, das geht nicht, ich kann und darf mit sowas nicht arbeiten. und es macht keinen sinn, wenn ich ihn fuenfmal am tag an und ausziehen muss. ich will ihn tragen, immer.

wir fanden einen, er war sehr schoen, die freundliche dame war erleichtert, ich auch.

wir standen in der fussgaengerzone in der basler innenstadt. das hast du mit absicht gemacht, sagte ich. du hast mich mit deinem rumgeziecke neben dir sterben lassen, und du hast es genossen. ich zog ihn an mich, kuesste ihn ganz lange, fuenftausend augen sahen uns zu. ich liebe dich, ich lass dich nie allein, fluesterte ich ihm ins ohr. ich war gluecklich.

24.8.07 21:33





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