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nicht ein wort davon ist wahr!!

Fiktion 1

-mai 1974.der sonntag morgen im kurpark von meran war grau und wolkenverhangen. seit einer woche waren wir fuer das land baden-wuerttemberg in suedtirol unterwegs und machten musik. nach berlin und paris war das meine dritte groessere reise, bei der ich fuer unser bundesland dabei war. wir waren sechsundfuenfzig musiker, alle im alter zwischen zwoelf und achtzehn jahren und wir machten musik, dass sich die balken bogen. daneben feierten wir und machten party, dass unsrere "betreuer" nachts kaum zum schlafen kamen. am abend vorher war es recht spaet geworden, ich war noch mit ein paar aelteren kollegen nach dem abendessen in meran unterwegs und wir waren alle dementsprechend muede an diesem morgen. wir wohnten etwas ausserhalb der stadt und ich erinnere mich nur noch an die vielen bluehenden obstbaeume und an die abertaussende maikaefer, die am abend durch die luft surrten, sich in den haaren verfingen, unter den hosen an den beinen hochkrabbelten und gegen die erleuchteten fenster prallten. der asphalt unter den strassenlaternen war schwarz von toten kaefern und es knirschte bei jedem schritt unter unseren schuhsohlen.

das kurhaus von meran war alt und riesengross, ein hoher saal mit platz fuer ein paar hundert menschen, hohen fenstern und ringsherum an den seiten balkonen, von denen man von hochoben auf die grosse buehne blicken konnte. es wuerde unser letztes konzert in italien sein, anschliessend wuerden wir uns mit dem reisebus auf die heimfahrt begeben. ich hatte mir vor wochen das linke bein gebrochen, trug einen gehgips und humpelte an kruecken durch das leben. als wir unsere pulte aufgeklappt, die instrumente ausgepackt und alle noten bereitgelegt hatten, huepfte ich auf einem bein vor an den buehnenrand und schaute durch einen spalt im vorhang in den fast leeren saal. beate trat neben mich und stuetzte mich am ellbogen. >hoffentlich sind wir nicht mehr leute oben auf der buehne als unten im publikum< ich schloss den vorhang vorsichtig. >warts ab phoenix, ich habe gestern in der stadt ueberall plakate haengen sehen und der deutsche botschafter soll auch mit ein paar anderen schluempfen kommen.< sie deutete auf einen balkon rechts von der buehne. >hoffentlich gibts zum mittagessen nicht wieder so ein geniales paniertes schnitzel, es haengt mir langsam wirklich zum hals heraus. deutschland, oesterreich, italien, wenn du mehr als zwanzig mann bist,- paniertes schnitzel! einfach genial!< das wort genial war beates absoluter favorit, sie brachte es in beinahe jedem satz unter.  >ich denke, es wird maikaefersuppe geben, es scheint fuer so etwas leckeres saison zu sein<  >iiih, phoenix, du bist ein schwein. wir lachten und verzogen uns auf unsere plaetze.

wir mussten warten, es kamen immer mehr menschen und langsam fuellte sich der saal. dann ging es endlich los, es war wie immer, zuerst zwei, drei klassische, schwere stuecke, dann musical und glenn miller und im letzten drittel dann pop und moderne sachen. das publikum ging von der ersten minute an mit, der saal war nun brechend voll und es kamen immer mehr menschen. und es klappte einfach alles! keiner haute in eine pause, niemand verschlief einen einsatz, es lief einfach "genial". unser dirigent und zuchtmeister hiess dr.ulrich maurer, genannt dm. er sah zufrieden aus, lachte sogar ab und zu still vor sich hin, etwas, das wirklich nicht sehr oft bei ihm auf der buehne vorkam. in der pause kam er zu uns herueber und nahm mich zur seite. >phoenix hoer zu, ich habe mir gedacht, wir machen am schluss das ave maria.< ich schaute ihn erschrocken an. >das haben wir erst zweimal ganz durchgespielt und.....< >wir haben es geprobt, als du im krankenhaus warst, die koennen das, du schaust nur auf mich, dann kriegst du das hin<  >aber...< ich schaute auf mein bein, >ich komm da nicht vor< und zeigte durch das gewirr von stuehlen zum buehnenrand. dm drueckte mir meine trompete in die hand und sagte laechelnd >zwei zugaben phoenix, dann holen wir dich.< er ging weiter, besprach etwas mit dem schlagzeug und einer tuba, zeigte in meine richtung und ging wieder vor an sein pult. ich griff nach den noten von meinem nebenmann, das letzte blatt war das ave maria. ich schaute ihn hilflos an, er grinste und zuckte mit den schultern.

das konzert war gelaufen, die leute waren begeistert, total aus dem haeuschen. es war das beste konzert, dass wir fuer mein dafuerhalten je gegeben hatten. das schlagzeug und die tuba traten neben mich, griffen mich rechts und links an den schultern und den ellbogen, hoben mich muehelos hoch und zwischen den stuehlen durch vor ein mikrofon keine zwei meter neben dm. er trat neben mich, ich setzte die trompete an den mund und er stellte die hoehe des mikros nach. die leute schauten auf mein gipsbein, lachten und applaudierten freundlich. dm ging zurueck an sein pult, schaute zu mir herueber, blinzelte mir aufmunternd zu und hob die hand. das licht erlosch, es war stockdunkel, ich sah nichts und niemand mehr. ich dachte, ok, das wars und schaute in die richtung zu dm. ein scheinwerfer ging an, ich stand direkt in seinem licht, ansonsten war alles schwarz. an der stirnseite des saales hatten sie die fenster geoeffnet, helle flecke, weit entfernt und auf den simmsen der fenster standen leute und winkten. ich schaute wieder nach dm und jetzt konnte ich ihn sehen. er hob beide arme, gab den takt vor und das orchester setzte ein. zuerst kam das blech, die fluegel,- und tenorhoerner, dann die posaunen und saxophone. es glang weich und schwer, begann wie aus weiter ferne und kam dann immer naeher, schwoll langsam an und ebbte wieder ab. zwoelf takte hatte ich zeit, dann war ich an der reihe. ich fuhr mir mit der zunge ueber die lippen, dachte, die akustik ist einfach genial, hob die trompete, dm gab das zeichen und ich begann. der erste ton kam, der zweite noch besser, ich spuerte, wie ich mich etwas entspannte, ich schraubte die toene hinauf, es ging ganz leicht, es war auf einmal ganz einfach. ich schloss die augen und spielte, oeffnete sie wieder und blickte auf die dunkle wand aus menschen, nur ein paar schritte von mir entfernt und nun so weit weg. der mittelteil kam, ich hatte pause, ließ die trompete sinken und schaute zu dm. hinter mir hoerte ich maedchen singen, es klang wunderschoen, ich drehte den kopf zur seite und sah aus den augenwinkeln beate mit noch drei klarinetten zusammen den chor bilden, es war absolut neu fuer mich, ich hatte sie noch nie singen gesehen. das ave maria war eine neue komposition von einem kollegen und freund von dm, der auch viel fuer walter scholz und andere trompeter schrieb. es war nicht allzu schwierig zu spielen, es war sehr getragen und stellenweise etwas kitschig, aber es trieb einen empor zu den hohen toenen und man brauchte viel energie, um nicht abzustuerzen. es lief aber gut, wir kamen an das letzte drittel, jetzt wurde es schwieriger, einige takte war ich nun ganz allein, das orchester schwieg. ich schaute zu dm, er nickte und zeigte mir die zwei, das bedeutete, noch einmal zurueck zum mittelteil. er hob den linken arm, zeigte dem orchester die zwei, ich hatte mich nicht getaeuscht, die maedchen standen wieder auf und  begannen nocheinmal zu singen. ich schaute vor mir in die menge, mein gebrochenes bein pochte und gribbelte, ich sah ueber die koepfe hinweg ins leere, sah schwarzgekleidete, gesichtslose menschen neben einem sarg vor einem grossen kreuz stehen, sie starrten zu mir herueber, ich sah die autobahn, das blaulicht spiegelte sich im nassen asphalt, menschen die zwischen ihren zerstoerten autos umherirrten, den hubschrauber, der ueber ihnen kreiste. mir war kalt, mein gesicht nass vom schweiss, dm zeigte mir die drei, ich setzte wieder ein, ich gab alles an gefuehl, das in mir steckte, noch einmal hinauf, den ton halten, dm ließ den arm herunterfahren, es war vorbei.

der scheinwerfer erlosch, ich stand da und wartete. gute sieben minuten dauerte das stueck, mit der wiederholung vielleicht elf, doch mir war, als waere eine halbe stunde vergangen. meine lippen fuehlten sich dick und geschwollen an, mit der zunge konnte ich den abdruck des mundstuecks spueren. ich fuhr mir mit dem arm ueber mein gesicht, es war nass von traenen. ein paar vereinzelte leute begannen zu klatschen, die saalbeleuchtung wurde wieder eingeschaltet, ich konnte wieder klar sehen. der beifall brach los, die leute standen, applaudierten und winkten, der krach war ohrenbetaeubend. ganz hinten im saal sah ich ein grosses schild mit einem aufgemalten S und dem mercedesstern auf und ab huepfen. dm legte den taktstock auf sein pult, kam auf mich zu und reichte mir die hand. dann griff er mir von hinten unter die arme, hob mich hoch und wirbelte mich einmal im kreis herum. der applaus schwoll noch einmal an, noch eine verbeugung, der vorhang wurde zugezogen und das konzert war zu ende.

beate setzte sich im bus neben mich, sie fand alles sowas von genial und meinte, ich haette in die zuschauer gestarrt, als haette ich einen geist gesehen, waere im gesicht schneeweiss gewesen, sie haette gedacht, ich falle gleich um. ich schaute sie fragent an. keinen geist, dachte ich, den tod habe ich gesehen, ich habe meinen tod gesehen. 

16.9.07 11:32


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